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    Prophezeiung des Wolfskindes - Erbe des Wolfskindes, Melanie Häcker

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    Beitrag von Alastor am Mi Okt 14, 2020 4:11 pm

    (Für User dieses Forums: Wer dazu etwas sagen möchte kann Tarija83 eine PN schicken oder ein Thema im entsprechenden Forenbereich erstellen)



    Die Vorstellung eines neuen Romans von unserem Mitglied Tarija; in ihren Worten verfasst:

    Der dritte Band der Prophezeiungssaga.

     Prophezeiung des Wolfskindes - Erbe des Wolfskindes, Melanie Häcker Tachen10

    Klappentext:

    Der König regiert, das alte Blut beherrscht das Land. Doch zu einen noch die Inseln sind, die da liegen im westlichen Meer … so endet die Prophezeiung. Aber haben Tarija und Alkje wirklich ihr Ziel erreicht, nachdem sie ihren Sohn Alkijet den Thron übergaben?
    Die Antwort darauf folgt auf eine Art, mit der Tarija nicht wirklich zufrieden ist. Alkijets Tochter Naya, zeigt alle Merkmale eines Wolfskindes, aber ist sie das wirklich? Welche Aufgabe hat sie in der Prophezeiung? Das wollen Tarija und Alkje herausfinden und begeben sich mit ihrer Enkelin nach Ulso zu den Sehern. Doch sie bleiben nicht allein auf ihrer Reise. Ein Mitglied der Ashakischen Familie folgt ihnen, was weitere Fragen zur Prophezeiung aufwirft.

    Im Dritten Band der Prophezeiungssage erlebt man das Geschehen aus den Augen von Naya, die zunächst mit ihren Großeltern reist, um ihr eigenes Schicksal in Erfahrung zu bringen.
     

    Leseprobe:
    Prolog


      Angespannt schritt er vor der Tür des Gemachs, das er mit seiner Gemahlin bewohnte hin und her, während sie in den Wehen lag und ihr erstes Kind gebar. Ihre heftigen Schreie ließen ihn erneut zusammenzucken. Am liebsten hätte er einfach die Tür aufgerissen, um hineinzustürmen, denn er ertrug die Anspannung kaum noch.
      Bei Agin, ich gehör an ihre Seite und sollte hier nicht dumm herumstehen.
      Prompt drückte er die Klinke herunter, als von drinnen sofort ein harsches - „Draußen bleiben!“ - erklang. Die Stimme der Hebamme. Er stoppte unverzüglich und zog widerwillig die Tür zu. Sein besorgter Blick glitt zu den beiden Leibwächtern, zugleich seine besten Freunde, die ihn zuversichtlich anlächelten, aber selbst das half ihm nicht. Wie ein Wolf im Käfig trottete er auf und ab, was zusehends an den Nerven zehrte.
      Plötzlich hallte ihm ein heftiger schmerzvoller Schrei entgegen, dass selbst die Leibgardisten zusammenfuhren. Wie vom Blitz getroffen, fuhr er auf dem Absatz zur Tür herum.
      Auf den Aufschrei folgte ein helleres, durch Mark und Bein dringendes Weinen.
      Wie in Zeitlupe begann sich die Türklinke zu bewegen. Das Türblatt schwang nach innen auf, ehe eine Dienerin ihren Kopf zu ihm herausstreckte und lächelnd flüsterte: „Eure Majestät. Eure Gemahlin hat es geschafft. Ihr habt eine gesunde Tochter.“
      Fast schon ruppig schob er die Zofe zur Seite, um an das Bett zu hasten, in dem seine erschöpfte Frau lag. Bei ihrem Anblick stockte er. Starrte wie gebannt auf das in weiße Tücher gewickelte Bündel, das auf ihrem Arm lag. Eine Flut von Gefühlen überwältigten ihn. Er sah in ihre leuchtenden, blaugrauen Augen, bevor er das winzige Bündel mit zittrigen Händen in die Arme nahm, um in das Gesicht seiner neugeborenen Tochter zu schauen. Eingehend betrachtete er ihre zierlichen Züge. Strich zärtlich mit dem Finger über ihre samtweiche Wange, als die Kleine ihre Lider öffnete. Augenblicklich erstarrte sein Lächeln zu einer Grimasse.
      Nein, keuchte er in Gedanken. Das ist unmöglich!
      „Alkijet? Warum bist du so ernst? Stimmt etwas nicht mit ihr?“ Die Stimme seiner Frau riss ihn aus seinen düsteren Gedanken. Er brauchte einen Moment, bis er - etwas zu hastig - den Kopf schüttelte.
      „Es … es ist alles in Ordnung mit ihr, Kara. Sie ist ein bildhübsches Mädchen.“ Er legte seine Tochter behutsam in ihre ausgestreckten Arme und zwang sich zu einem beruhigenden Lächeln. Innerlich jedoch war er so aufgewühlt wie schon lange nicht mehr. Er zögerte, das auszusprechen, was ihm durch den Kopf ging. Als er es doch tat, war ihm, als würde eine unsichtbare Hand, sein Herz brutal zusammendrücken. „Sie hat die Augen meiner Mutter.“
      Kara sah zuerst verwundert in die Züge des Kindes, bevor Alkijet bei Kara Bestürzung erkannte.
      „Aber wie ist das möglich?“, fragte sie heißer flüsternd.
      „Ich habe keine Ahnung. Die Einzige die uns da weiterhelfen kann, ist …“
      „Deine Mutter“, vollendete sie den Satz, um andächtig zu bejahen.
      „Ja. Ich denke, ich werde sie gleich morgen besuchen, auch um ihr zu erzählen, dass sie Großmutter geworden ist.“
      Kara stimmte ihm zu, strich sanft über die rosigen Wangen der Kleinen.
      „Sie ist wunderschön.“
      Aber wenn ich diesen Augen glauben schenke, ist sie zu größerem vorhergesehen.
      Er sprach nicht aus, was ihn beunruhigte, denn er wollte Kara nicht unnötig ängstigen.
      „Wie soll sie den heißen Alkijet? Hast du dir mittlerweile einen Namen für sie ausgesucht? Mir würde ja Antina, oder Astana gefallen.“
      Karbadianische Namen. Ist ja klar, dass Kara so einen wählt. Mir aber schwebt ein anderer vor.
      Er gedachte an die Tage zurück, wo er mithilfe seines Bruders in alten Schriften gesucht hatte. Doch keiner, nicht ein Einziger, passte zu seiner Tochter. Gedankenverloren betrachtete er seine erschöpfte Gemahlin. Schweißperlen glänzten auf ihrer Stirn. Man sah ihr an, dass ihr Herz noch nicht zur Ruhe gekommen war und voller Freude in ihrer Brust schlug. Sein Blick glitt zu seiner Tochter, ehe er abschweifte und langsam zu einem der Fenster sah, durch welches die Sommersonne warm hereinschien.
      „Naya“, flüsterte er. „Ihr Name ist Naya. Naya von Kardian.“
      „Ein wunderbarer Name“, hauchte Kara an die Stirn ihrer Tochter.
      „Ja, das ist er.“ Um Kara nicht noch mehr zu verunsichern, zwang er sich zu einem zuversichtlichen Lächeln. „Ruh dich aus, meine Liebe. Ich werde später nach euch sehen. Ich kläre derweil ein paar Angelegenheiten, du weißt ja ...“
      Sie lächelte ihm wissend entgegen, woraufhin er aus dem Gemach verschwand.
      Seine Gedanken kreisten, gerieten außer Kontrolle. Er drückte die Tür hinter sich zu, lehnte mit dem Rücken an das Holz und seufzte schwer, den Kopf zwischen den Händen haltend.
      Wie ist das nur möglich? Haben wir irgendetwas übersehen? Solche Augen weißen deutlich darauf hin, dass die Prophezeiung nicht erfüllt wurde.
      Diese Tatsache - nein - diese Gewissheit fesselte ihn. Er stemmte sich ruckartig von der Tür weg. Stürmte, mit den beiden Kriegern dicht auf den Fersen, den Gang entlang. Er hatte keine Zeit bis morgen zu warten. Er musste unbedingt wissen, warum seine Tochter die smaragdgrünen Iriden seiner Mutter besaß. Eine Augenfarbe, die eindeutig nichts Gutes verhieß.
      Fest entschlossen, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, eilte er zu den Stallungen. Sattelte in Windeseile sein treues Ross, was die Leibwächter mit ihren Pferden gleichtaten. Keiner der beiden hinterfragte sein Handeln. Nicht nur da er ihr König war, sondern auch, weil sie um seine Herkunft wussten, wie so jeder in diesem Reich. Selbst wenn die Erzählungen über die Wolfskinder in der Vergangenheit lagen, so waren sie dennoch fest mit seiner Geschichte verwoben.
      Kurze Zeit später saßen sie im Sattel.
      „Öffnet das Tor!“, brüllte er von Weitem, zeitgleich hieb er dem Hengst die Fersen in die Rippen. Mit seinen Mannen im Rücken, stürmte er durch das halb geöffnete Tor aus der Burg hinaus. Sie preschte durch die gepflasterte Straßen von Osron. Das Klappern der Hufe hallte wie Donnergrollen von den Wänden wider. Die Menschen, welche die Gassen bevölkerten, sprangen erschrocken zur Seite, als die drei Reiter in rasantem Tempo an ihnen vorbei jagten.
      Alkijet wollte so schnell wie nur möglich aus der Stadt hinauskommen. Sein Ziel. Ein Weg, den nur er und seine Geschwister kannten. Einen Weg in die Wälder bei Osron.

    ~~~

      Knapp zwei Tage drängte er die Pferde im Galopp voran. Zu den Mittagszeiten rasteten sie, gönnten den Tieren Ruhe und füllten an kleineren Bächen ihre Trinkbeutel auf. Sie schliefen in der Nacht nicht viel. Die Ungewissheit, wieso seine Tochter die Augen der Prophezeiung hatte, trieb ihn stetig vorwärts.
      Der Abend dämmerte, als der ersehnte Waldrand wie eine finstere Wand vor ihm aufragte. Kurz davor zügelten sie ihre Pferde, die schwer schnauften, nach dem letzten kräftezehrenden Sprint.
      Alkijet glitt erschöpft aus dem Sattel. Doch er hatte keine Zeit, sich einen Moment Ruhr zu gönnen.
      „Hier“, er drückte einem der Gardisten die Zügel in die Hand. „Kümmere dich um ihn. Ihr wartet hier, bis ich zurück bin.“
      „Aber, Eure Majestät …“
      „Derikan“, meinte er mit beschwichtigendem Unterton. „Hier passiert mir nichts. Bleibt bei den Pferden und wartet. Sobald ich mit ihr gesprochen habe, komme ich wieder.“
      Der Leibgardist öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch Alkijet schenkte ihm sofort einen mahnenden Blick, woraufhin der Gardist zögerlich nickte. In Derikans Augen erkannte Alkijet, dass dieser wusste, wen er mit - ihr - gemeint hatte.
      „Wie Eure Majestät befiehlt.“
      Alkijet schenkte seinem Freund ein zuversichtliches Lächeln, trat an den Waldrand und verharrte kurz.
      Hoffentlich kann mir Mutter weiterhelfen.
      Er drückte die Büsche auseinander, schlüpfte hindurch und betrat den Wald, der ihn mit einem dämmrigen Licht empfing. Das Blätterdach über ihm war dicht bewachsen, weswegen nur einzelne Sonnenstrahlen sich zum Waldboden hin verirrten. Moos in verschiedenen Grüntönen dämpfte neben dem Laub vom letzten Herbst seine Schritte.
      Hier zwischen den Bäumen war die Luft wesentlich kühler, erfrischender, was ein Schaudern verursachte. Er sah sich aufmerksam um, bevor er zügig seinen Weg einschlug. Für unwissende kaum zu entdecken, aber der schmale Trampelpfad war in seinem Kopf eingebrannt, auch wenn er ihn in der schwindenden Helligkeit nur mehr erahnte, als wirklich sah.
      Alkijet kannte jede Eiche, die den Weg zu dem Ort wies, wo er hinwollte. Er kletterte über umgefallenen Stämme, die anscheinend der letzte Herbststurm entwurzelt hatte. Sprang über kleinere Bäche, stetig weiter in den Wald hinein. Zielstrebig den Pfad folgend, den er in all den Jahren nutzte. Immer dann, wenn er und sein Bruder bei etwas nicht weiterwussten und wo sie den Rat ihrer Eltern brauchten, was in den vergangenen Jahren deutlich weniger geworden war.
      Das Zwielicht der Dämmerung wich mehr und mehr der Dunkelheit. Plötzlich lichtete sich der Wald vor ihm. Alkijet erblickte eine mit Gras bewachsene Lichtung, die er andächtig betrat. Ein idyllischer Ort, der eine wohltuende Ruhe ausstrahlte. Mittig stand ein Holzhäuschen umgeben von einem gepflegt eingezäunten Garten. In diesem Wuchs alles, was man zum Leben brauchte.
      Alkijet trat bedächtig näher. Sein Blick schweifte dabei über die Beerenbüsche, die entlang des Zaunes wuchsen. Beäugte die dicht bewachsenen Beete mit dem erntereifen Gemüse und dem üppig bepflanzten Kräutergarten.
      Mutter war wieder fleißig.
      Schmunzelnd schritt er weiter. Bedachte kurz die zwei Obstbäume, dann das überdachte Lager, wo sein Vater säuberlich Holzscheite aufeinandergelegt hatte. Alkijet öffnete das Gatter zum Garten, trat auf das Haus zu, vor dessen Tür er einen Moment verweilte. Alles erschien ihm so friedlich. Keinerlei Geräusch deutete darauf hin, dass jemand da war. Trotzdem klopfte er fest an die Tür, doch wie erwartet, kam keine Antwort.
      Sie sind bestimmt noch auf der Jagd.
      Er drehte sich zum Garten, ehe er sich mit der Schulter an einen der Pfähle lehnte, die das Vordach stützten.
      Was wenn die Prophezeiung wiedererwartet doch nicht erfüllt wurde, so wie wir bisher angenommen hatten? Das würde bedeuten, dass meine Tochter ein Wolfskind ist.
      Irgendwie, trotz das seine Eltern selbst Wolfskinder waren, war dieser Gedanke befremdlich. Er schüttelte diese Überlegungen ab, um mit stoischer Ruhe unter der Überdachung zu warten.
      Das spärliche Licht des dahinschwindenden Tages hüllte alles in einen Ort der Fantasie. Lächelnd erinnerte er sich daran, als seine Mutter ihnen hier die unmöglichsten Geschichten erzählt hatte. Legenden aus alten Zeiten. Erfundene Mären von allerlei Fabelwesen, die sie oft am nächsten Tag suchten. Ein Zeitvertreib an den er gerne zurückdachte. An die unbeschwerten Zeiten, die sie hier verbrachten, um dem Trubel der Burg zu entfliehen.
      Ein Schrei über ihm holte ihn schlagartig aus diesen Erinnerungen. Es war der Ruf eines Adlers. Ruckartig drückte er sich von dem Pfeiler weg und trat unter dem Dach hervor. Er richtete umgehend den Blick nach oben. Suchte nach dem Greifvogel, bis er einen Schatten entdeckte, der seine Kreise zog.
      Alkijet beobachtete das majestätische Tier am immer dämmriger werdenden Abendhimmel. Langsam sank der Adler tiefer, ehe er seine Flügel anlegte und in einem Sturzflug auf ihn zuschoss. Aus einem Impuls heraus, hob Alkijet den Arm zur Seite hin an. Bot damit dem imposanten Vogel eine Landemöglichkeit, wobei der Greifvogel einen Meter über ihm die gewaltigen Schwingen auseinanderbreitete. So augenblicklich den Sturz stoppte, um nach einer Kurve fliegend mit kräftigen Flügelschlägen auf seinem Arm zu landen. Die spitzen Klauen durchbohrten widerstandslos sein Hemd. Dennoch krallte sich der Vogel nur sanft an ihm fest.
      Alkijet indes betrachtete den Greifvogel eingehend. Er wollte herausfinden, wer von seinen Eltern auf seinem Arm gelandet war. Er musterte das seidig glänzende, dunkelbraune Gefieder, dass an Brust, Rücken und den Schwungfedern weißmarmoriert war. Doch das allein sagte ihm nicht, wer es war. Am ehesten erkannte er es, an den durchdringenden smaragdgrünen Augen, die ihn fixierten.
      Breit grinsend meinte er: „Hallo Mutter.“
      Ein kurzes Schnabelgeklappere kam zur Antwort, wobei der Adler ihm neckend mit dem Schnabel die Haare zauste.
      „Lass das“, lachte er. „Ich habe eine gute Neuigkeit für euch. Wo sind Vater und Alijana?“
      Wie auf ein Stichwort hin raschelte es im Gestrüpp. Aufmerksamkeit beobachtete er, wie ein schwarzbrauner Wolf, gemächlich herangetrottet kam. Die Augenwinkel waren angegraut und auch seine Schnauze zeigte deutlich das gehobenere Alter des Tieres. Neben dem Wolf schlenderte eine braunhaarige Frau einher, die Alkijet zugut kannte. Sie trug - wie so oft - eine schwarze lederne Hose. Gleichfarbige Stiefel und dazu passend ein kurzärmeliges Leinenhemd.
      Ich bin hier mein Sohn. Du sprachst von guten Neuigkeiten?
      Alkijet bejahte. In dem Moment erhob sich der Adler mit zwei Flügelschlägen vom Arm, glitt zu Boden, um sich zusammen mit dem Wolf in ein schimmerndes Licht zu hüllen. Die Frau indes trat neben ihn, um lächelnd ihre Hand auf seine Schulter zu legen.
      „Hallo Bruder. Du hast uns lange nicht mehr besucht. Ist in Osron alles in Ordnung?“
      Sein Zögern entging ihr keineswegs. Das erkannte er von der Seite her an ihrer skeptisch hochgezogenen Augenbraue.
      „Dein Hadern verheißt nichts Angenehmes, mein Sohn“, hallte die tiefe Stimme seines Vaters zu ihm. Er wand sich von Alijana ab. Sah zu dem Wolf und dem Adler, wobei diese mittlerweile, als Frau und Mann mittleren Alters dastanden. Beide waren wie seine Schwester gekleidet. Wobei seine Eltern im Gegensatz zu ihr Waffen am Schwertgurt trugen. Sein Vater ein Dolch zur Rechten, einen Krummsäbel zur Linken. Seine Mutter ein Anderthalbhänder, wohingegen aus ihren Stiefeln die Schäfte von Dolchen herausragten.
      Alkijet konnte nicht umhin, die Zwei seit langer Zeit einer genaueren Musterung zu unterziehen. Er erkannte, dass sein Vater an den Schläfen deutlich ergraut war – wie bei dem Wolf – während er die schwarzbraunen, langen Haare wie immer straff zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Wie Alkijet trug er den Bart am Kinn zu zwei Zöpfen geflochten, die durch Bartperlen gehalten wurden. Es gab dabei nur einen Unterschied. Alkijets Barthaare zeigten keine grauen Strähnen.
      Die markanten Züge seines Vaters wiesen deutlich mehr Falten auf, als bei ihrem letzten Treffen. Was Alkijet zu einem verschmitzten Schmunzeln verleitete, das nicht unbemerkt blieb.
      „Komm du erst in mein Alter“, grummelte sein Vater, dabei packte er Alkijet in eine Umarmung. Sie klopften sich einander freundschaftlich mit der Faust auf den Rücken.
      „Welches Alter?“, neckte Alkijet ihn. „Du siehst nach wie vor aus wie der unbezwingbare Heerführer von Ashak.“
      „Lob ihn nicht zu arg Alkijet, sonst bekommt er einen Höhenflug“, warf seine Mutter amüsiert ein, auf dass er zu ihr sah. Ihr langes, braunes Haar war komplett in viele kleinere Zöpfe und straff nach hinten verflochten. Sie hatte - wie es üblich bei Ashakischen Kriegerinnen war - Haarperlen eingearbeitet. Auch bei ihr zeigten sich bereits die ersten weißen Strähnen, ebenso sanfte Falten in ihren herzensguten, lächelnden Zügen. Sie holte ihn ebenfalls in eine feste Umarmung, ehe ihre Hände auf seine Schultern ruhte. Dabei runzelte sie fragend die Stirn.
      „Du bist zu einem stattlichen Krieger herangewachsen, mein Sohn. Nun? Was sind das für gute Neuigkeiten, weswegen du zu uns gekommen bist?“
      Man sah ihm augenscheinlich seine zwiespältigen Emotionen zu deutlich an. Was die Art verriet, wie seine Mutter ihre Augenbrauen hochzog, aber auch der argwöhnische Ausdruck, mit dem sie ihn ansah. Er holte tief Luft.
      „Ich verkünde euch, dass du Alijana Tante und ihr vor zwei Tagen Großeltern geworden seid. Kara brachte eine gesunde Tochter zur Welt. Es würde mich freuen, wenn ihr sie euch anschaut, denn …“, er zögerte.
      Wie erkläre ich es, ohne gleich mit der Tür ins Haus zu fallen?
      Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Das war zwar nichts Ungewöhnliches für ihn als König, aber der eindringliche Blick seiner Schwester verursachte in ihm ein mulmiges Gefühl. Sie hatte ein Talent, schnell ihr Gegenüber zu durchschauen. Da sie ihn allzugut kannte, war er für sie wie ein offenes Buch.
      Abschätzend dreinschauend, überkreuzte sie ihre Arme vor der Brust und lehnte sich rücklings an einen der Pfähle.
      „Alkijet?“, murmelte sie mahnend mit einer Stimmlage, von der er wusste, dass sie auf Streit aus war. Er sah rasch in die smaragdgrünen Augen seiner Mutter, woraufhin ihm ein Schauer über den Rücken rann.
      „Dir bereitet etwas ernsthafte Sorgen. Was ist los? Stimmt was nicht mit unserer Enkelin?“
      Es kostete ihn große Mühe, ihre Frage zu bejahen. Aus dem Augenwinkel sah er, dass sein Vater ihn aufmerksam im Auge behielt. Was ihn nicht weiter beunruhigte, jedoch das alarmierte Blitzen in seinem Blick.
      „Es ist“, er holte noch einmal tief Luft. „Naya hat die gleichen Augen wie du, Mutter.“
      Jetzt ist es raus.
      Seine Mutter erstarrte. Sie zog ihre Hände zurück und wechselte einen vielsagenden Blick mit seinem Vater.
      „Als ich die smaragdfarbenen Augen sah, war mir klar, dass ich euch aufzusuchen hatte.“
      „Da hattest du recht Alkijet“, brummte sein Vater, leicht verstimmt. „Kommt, lasst uns reingehen. Erzähl uns drinnen mehr über die Kleine Naya.“ Das zuversichtliche Lächeln entspannte die Situation nicht wirklich und die Hand auf seiner Schulter schien so schwer wie Hunderte Pferde zu wiegen.
      „Alkje hat recht“, warf seine Mutter mit ein. „Wenn es stimmt, was du sagst, gibt es einen schwerwiegenden Grund, wieso die Prophezeiung solch einen Weg geht.“ Seine Mutter trat voraus, öffnete die Tür und schritt vor ihm in einen wohnlich eingerichteten Raum. Alkijet kannte jedes Möbelstück, zugleich entdeckte er neue, die hauptsächlich der Kräuterküche seiner Mutter dienten.
      „Tarija? Ich hole uns was zum Trinken.“ Alkje sah einen nach dem anderen grinsend an, und noch bevor Tarija etwas erwidern konnte, verschwand Alkje aus dem Zimmer.
      „Hat Vater wieder gebraut?“
      „Was glaubst du denn, Bruderherz. Aber ich warne dich vor. Das Gebräu ist verdammt kräftig.“
      Oh je, ich hatte doch vor, heute zurück zu reiten.
      Gleich darauf kam Alkje mit einer Karaffe herein. Tarija stellte bereits vier Krüge auf den breiten Tisch und vollführte eine einladende Handbewegung. Alijana war die Erste, die sich auf einen der Schemel plumpsen ließ. Alkijet setzte sich neben sie, wohingegen er augenblicklich einen gefüllten Humpen vor der Nase stehen hatte, ehe auch Tarija und Alkje sich hinsetzten.
      Alkje trank einen kräftigen Schluck und brummte: „Nun mein Sohn, leg los. Wem sieht die Kleine ähnlich?“
      „Als wenn man das bereits erkennt“, kicherte Alijana, um ihrerseits nachzuhaken: „Wie alt ist sie?“
      „Zwei Tage.“Alkijet nippte sachte an dem Gebräu, das zu seiner Überraschung ausgezeichnet schmeckte. „Hm, Vater. Diesmal ist es dir wahrlich gelungen.“
      Alkje prostete ihm zu und trank auf die lobenden Worte einen weiteren kräftigen Zug.
      „Du sagst, sie hat meine Augen?“, hinterfragte Tarija nachdenklich.
      „Ja. Augen wie Smaragde.“
      Tarija sah gedankenverloren auf irgendeinen Punkt in der Hütte, wobei auch sie von dem Gebräu kostete, ehe sie zu Alkje schaute.
      „Was sagte Dorenik zu uns, bevor er in die Wälder entschwand?“
      „Hm“, raunte Alkje in den Krug hinein: „Irgendetwas von geteilten Inseln und das vergessene Land, ach und er meinte noch, es gäbe einen heftigen Schnitt im Verlauf des Schicksals.“
      Alijana stellte ihren Humpen ab. „Was mit geteilten Inseln gemeint ist, ist ja jedem hier klar.“
      Alkijet bejahte. „Sill und Son. Aber was meint er mit vergessenes Land? Und was für ein Schnitt im Schicksal?“
      Sie sahen sich alle grüblerisch an.
      „Ach, was soll`s.“ Alkje wuchtete seinen Krug auf den Tisch und drückte Alkijets Schulter so kräftig, dass er etwas das Gesicht verzog. „Lasst uns nach Osron trotten. Ich will unsere Enkelin begrüßen.“
      „Urplötzlich hast du es eilig“, amüsierte sich Tarija, die ebenfalls ihren Humpen leerte.
      „Ja.“ Alkje erhob er sich, um alle der Reihe nach auffordernd anzusehen.
      „Typisch Vater.“ Alijana verdrehte die Augen, stand ebenfalls auf und schlenderte zur Tür. „Ich werde dann mal Sona rufen.“
      Alkijet runzelte fragend die Stirn, erhielt aber keine Antwort, da seine Schwester flink nach draußen verschwand, wohingegen Tarija fragte: „Bist du allein hergekommen?“
      „Nein. Meine beiden Leibgardisten Derikan und Kekrik warten am Waldrand auf mich.“
      Tarija drückte sich vom Schemel hoch, trat zur Tür, wo sie stehen blieb. „So denn, dann lasst uns zuerst zu ihnen aufschließen, bevor wir nach Osron trotten.“
      „Trotten?“
      Sie schmunzelte. „Ja, trotten. Alkijet, du vergisst mal wieder, dass wir im Grunde Wölfe sind.“
      Ja, das vergesse ich wahrlich zu oft.
      Er folgte Tarija nach draußen, wo ein schwarzbrauner Wolf bereits auf sie wartete. Tarija verwandelte sich sofort auch zu einem, wobei seine Schwester mithilfe ihrer Finger einen schrillen Pfiff ausstieß. Einen kurzen Moment darauf hallte ein Wiehern durch die Dunkelheit und ein Schimmel kam anmutig auf die Lichtung getrabt.
      „Ist sie nicht eine Schönheit“, schwärmte Alijana, während sie zärtlich über den Hals der Stute streichelte.
      „Das ist sie. Ich hatte keine Ahnung, dass du dir ein Pferd angeschafft hast.“
      Alijana lachte amüsiert auf, packte die Mähne an der Kruppe, um sich mit einer geschickten Bewegung auf den blanken Rücken zu schwingen.
      „Sie gehört mir, seit sie ein Fohlen war. Ein Bär hat ihre Mutter getötet, daraufhin habe mich ihrer angenommen. Nun sind wir die besten Freunde. Komm. Sie trägt uns beide ein Stück.“
      Er musterte die Stute mit dem schlanken, kraftvollen Körper, nickte knapp und ließ sich von Alijana hinaufhelfen, was sich sonderbar anfühlte.
      „Sonst sitzen mir die Frauen im Nacken“, witzelte er, auf dass hin er einen Rippenstoß von ihr kassierte, bevor er die Arme um ihre Taille schlang.
      „Sieh es als Privileg, das du mitreitest.“ Alijana trieb ihre Stute voran. Folgte den beiden Wölfen, die in die Schwärze zwischen den Bäumen verschwanden. Alkijets Augen brauchten einen Moment, bis sie sich an das diffuse Mondlicht gewöhnten. Er bestaunte die träumerische Leichtigkeit, mit der seine Schwester das Pferd lenkte, das trittsicher über den Waldboden trottete.
      Ist Kara in Kenntnis gesetzt mit den Augen? Die fragende Stimme seiner Mutter schreckte ihn aus seinen Gedanken hervor. Er sah neben sich zu Boden, wo die Wölfin dicht einherging.
      „Nein. Ich habe es ihr nicht gesagt, um sie nicht zu verunsichern, nachdem sie meinen verdatterten Gesichtsausdruck bemerkt hatte.“
      „Den hätte ich auch zu gerne gesehen“, neckte ihn seine Schwester, weiterhin den Blick nach vorne gerichtet.
      Demzufolge müssen wir behutsam vorgehen. Alkijet, wenn sie wahrlich die Augen der Prophezeiung hat, weißt du, was das bedeutet.
      Grimmig dreinschauend bejahte er grollend: „Dass sie ein Wolfskind ist.“
      „Was unternehmt ihr, wenn es sich bestätigt?“, warf Alijana ein, die nun nicht mehr amüsiert klang. Auf ihre Frage hin, legte sich eine unheimliche Stille über sie alle, lediglich unterbrochen von den Geräuschen der Hufe und der Pfoten.
      Wenn Naya wahrhaftig ein Wolfskind ist, mein Sohn, sollte sie auch unter solchen leben.
      Zähneknirschend linste er zu seiner Mutter.
      Ich hatte befürchtet, dass sie das sagt. Hoffentlich bewahrheitet sich mein Verdacht nicht und ich habe nur nicht ordentlich hingesehen.
      Schweigend verbrachten sie den restlichen Weg zu dem Platz, an dem die Leibwächter lagerten. Ihm jagten unzählige Szenarien durch den Kopf in Bezug auf seine neugeborene Tochter.
      Bei Agin! Lass sie kein Wolfskind sein.
      Es war ein verzweifeltes Flehen, von dem er nicht wusste, ob es erhört wurde. Wenig später gewahrte er den Schein eines Feuers vor sich. Alijana ritt, ohne das er etwas sagte, nicht direkt hinter dem Lager aus dem Wald, sondern ein Stück daneben, bevor sie ihre Stute zu den Soldaten lenkte. Bei ihrem Erscheinen sprangen die Leibgardisten erschrocken auf. Sie zückten hektisch ihre Schwerter, während Alkijet donnerte: „Steckt sofort die Waffen weg!“
      Zögerlich wurde seinen Worten folge geleistet. Die Männer schoben die Klingen zurück in die Scheide. Sie beäugten dabei misstrauisch seine Schwester, unterdessen Alijana ihr Pferd zum Stehen brachte. Alkijet rutschte prompt vom Rücken und wurde nur einen Herzschlag lang später von den Wölfen flankiert. Augenblicklich verneigten sich die Leibwächter ehrfurchtsvoll. Sie wussten, wie jeder in der Burg zu genau um die Bedeutung der Tiere.
      „Derikan. Kekrik. Brecht das Lager ab. Wir reiten unverzüglich zurück nach Osron.“
      Den Befehl bestätigend, agierten sie sofort wie geheißen. Kekrik löschte mit Erde das Feuer, wobei Derikan die Decken zusammenraffte, um sie auf den Sätteln zu verteilten. Alkijet trat indes zu seinem Hengst, tätschelte ihm den Hals, bevor er eine der Wolldecken an seinem Sattel festzurrte. Nachdem alles erledigt war, schwang er sich auf den Rücken seines Pferdes. Er wartete, bis die Soldaten auch auf ihren Rössern saßen. Danach nickte er den beiden Wölfen, ebenso Alijana zu, dass es losging.
      Zuerst trotteten sie in gemächlichem Schritt durch die Nacht, bis der Morgen dämmerte. Daraufhin ritten sie in flottem Tempo weiter. Nur mit kurzen Pausen, um sich an Bächen und mit dem dürftigen Proviant zu stärken, hielt Alkijet das zügige Eiltempo bei.

    ~~~

      Als sie Osron am späten Abend des zweiten Tages erreichten, war kaum jemand auf den Straßen vorzufinden. Er unterdrückte ein aufatmen, denn auch wenn er es gewohnt war, genoss er die Momente, in denen er wie jeder andere, ohne Trubel, durch die Gassen ritt. Alkijet kannte es nicht anders, wobei er sich hin und wieder wünschte, wie seine Eltern einfach von der Bildfläche zu verschwinden.
      Vor ihm erschien das gewaltige Tor der Burg, dass sich bei seinem Erscheinen behäbig öffnete, so das sie ungehindert hineinritten. Vor den Stallungen stoppten sie die Pferde, gleichzeitig kamen Stallburschen herbeigeeilt. Sie ergriffen die Zügel der Rösser, auf dass hin Alkijet aus dem Sattel glitt. Er sah zu seiner Schwester, die mit beruhigenden Worten auf ihre Stute einredete. Der Schimmel scharrte unstet mit den Hufen, zugleich beäugte sie den Burschen vor sich, der angstvoll das Tier ansah.
      „Brauchst du Hilfe Alijana?“, fragte Alkijet amüsiert.
      Sie hingegen schüttelte den Kopf, rutschte vom Rücken ihres Pferdes und scheuchte den Stallburschen mit einem barschen Knurren davon.
      „Sie sollen einfach die Finger von Sona lassen“, zischte seine Schwester, gleichzeitig versuchte sie weiter, das nervöse Tier zu beruhigen.
      „Ihr habt gehört, was Mylady gesagt hat“, wand er sich an die Stallburschen, die ehrerbietig ihre Häupter beugten.
      „Bruderherz. Wäre es vorstellbar, dass sie hier draußen auf der Koppel bleiben kann? Sie ist Fremde und einen Stall nicht gewohnt.“
      Alkijet bestätigte knapp, sah die Burschen mahnend an, die ihre ganze Aufmerksamkeit den Pferden widmeten, die sie an den Zügeln hielten.
      „Gut. Lasst uns hineingehen. Ich stelle euch Naya vor.“ Flankiert von den beiden Wölfen traten Alkijet und Alijana die breite Haupttreppe empor, zugleich vernahm er das Knarren des Haupttores, dass sich in seinem Rücken schloss. Ein Soldat öffnete derweil die doppelflügelige Tür des Haupteinganges, auf das sie den geweißelten Korridor betraten.
      Hier hat sich eine Menge geändert, seit unserem letzten Besuch, bemerkte Tarija. Alkijet lächelte bescheiden auf diese Bemerkung.
      „Nun ja. Kara ist der Meinung, dass alles in einer Burg wohnlich zu sein hat.“ Dabei musterte er die Wandgemälde, die im Wechsel mit grünen Stoffbahnen auftauchten.
      Sie hätte es nicht besser hinbekommen können.
      Er gab darauf kein Kommentar, denn seiner Ansicht nach fand er es zu übertrieben.
      „Kommt. Sie ist bestimmt im Gemach.“
      Aber wie sie dort ankamen, war Kara nicht da. Verwundert blieb er in dem gemeinsamen Zimmer stehen.
      Frauen tun nie das, was man von ihnen denkt, belächelte Alkje das Ganze, woraufhin er von Tarija und Alijana einen gespielt empörten Blick erntete.
      „Vater, ich glaube, du solltest behutsam sein, mit dem, was du sagst.“
      Habe ich bemerkt.
      Es sah seltsam aus, wenn ein Wolf grinste, was Alkijet lediglich am Rande wahrnahm. Sein nächster Weg führte ihn zum Burggarten, denn neben seiner Mutter war es auch Karas Lieblingsplatz.
      Da ist sie ja und Naya bei ihr. Erleichtert erblickte er seine Frau, die auf einer Steinbank saß und Naya behutsam im Arm hielt. Ihre Lippen bewegten sich, was vermuten ließ, dass sie der Kleinen etwas vorsang, während sie das Kind sanft wiegte.
      Sie ist so glücklich und jetzt komm ich daher. Bitte lass Naya kein Wolfskind sein. Mit diesem Gedanken trat er zu Kara, um vor ihr in die Hocke zu sinken.
      „Meine Liebe, ich bin wieder zurück.“ Sein Blick glitt über das schlafende Kind, bevor er flüsterte: „Wie geht es ihr?“
      „Gut. Hast du deine …“ Kara stoppte, als sie die Wölfe und Alijana erblickte. Sie zuckte erschrocken zusammen, woraufhin Alkijet ihr besänftigend die Hand auf das Knie legte.
      „Sie sind beide gekommen, um ihre Enkelin zu sehen.“ Im gleichen Moment verwandelten sich seine Eltern, wobei er zu seiner Schwester sah und ergänzte: „Ebenso Alijana.“
      „Oh“, war alles, was Kara erwiderte. Sie stand ungestüm auf, weswegen sie fast das Gleichgewicht verlor, doch Alkijet erhob sich blitzschnell, um seine Gemahlin zu halten.
      „Eure … Majestät …“ Kara verbeugte sich ehrfurchtsvoll, die Kleine dabei weiterhin im Arm haltend.
      „Mylady genügt. Ich habe mich nie als Königin gesehen und tue es auch heute nicht. Meine Glückwünsche zur Geburt Eurer Tochter.“
      „Danke“, hauchte Kara, wobei sie verstohlen zu Alkje linste. Alkijet bemerkte ihren Blick, weswegen er sich ein Schmunzeln verkniff. Zu deutlich erinnerte er sich an den Tag vor zwei Jahren. An ihren Hochzeitstag. An diesem hatte sein Vater einen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen, ebenso bei manchem anderen Gast.
      Alkijet war eingeweiht in den Auftritt seiner Eltern, die über die Terrasse in Form der imposanten Adler hereingeflogen kamen. Sie ließen sich auf die jeweiligen Throne - rechts und links von seinem - nieder, bevor sie die menschliche Gestalt annahmen. Es war Alkje, der nach alter Tradition ihnen den Treueeid abgenommen hatte. Alkijet sah heute noch das Gesicht von Kara vor sich, als sie mit ehrfürchtigem Ausdruck in ihren weichen Zügen diesen respekteinflößenden Ashaker ansah. Sie kam aus einem eher kleineren Adelshaus. Waren sich zufällig auf einem Fest in Kar Fralo über den Weg gelaufen, wo er sich Hals über Kopf in sie verliebte.
      „Mylady“, Alkje verbeugte sich lächelnd vor Kara. „Ihr seid nach wie vor eine Augenweide.“
      Alijana neben ihm verdrehte die Augen, bevor auch sie sich vor Kara verneigte.
      „Typisch Ashaker. Hallo Kara.“
      Kara reichte Alkijet kurzerhand seine Tochter, trat auf Alijana zu, woraufhin beide sich herzlich umarmten. Unterdessen kam Tarija zu ihm, um einen Blick auf die Kleine zu werfen.
      „Sie ist wunderhübsch.“ Zärtlich strich Tarija über eine Wange, wobei die Kleine zu schmatzen begann.
      „Wirst du sie wirklich zu dir holen, wenn es sich bewahrheitet?“, fragte Alkijet, so leise er es vermochte, um die Bestätigung in ihren Augen zu sehen.
      „Sag mal“, vernahm er Alkjes Stimme. „Habt ihr in letzter Zeit was von Anjok gehört?“
      „Ja, Mylord. Er und Daria erwarten ebenfalls bald ihr erstes Kind“, beantwortete Kara die Frage, auf das Alkje breit grinste.
      „Noch mehr Enkel.“ Gleichzeitig trat er zu Alkijet. „Ich bin richtig stolz auf meine Söhne.“ Seine Züge entspannten sich beim Anblick der Kleinen. Alijana – von der Bemerkung ihres Vaters sichtlich angesäuert - kam mit Kara zu ihm.
      „Sie ist ein Sonnenschein“, schwärmte Kara, „und hält mich ziemlich auf Trab, vor allem in der Nacht.“
      Bei diesen Worten rutschte Tarijas linke Augenbraue ruckartig nach oben. Eine Bewegung, die Alkijet gar nicht gefiel. Ihn sogar augenblicklich alarmierte. Da war etwas in ihrem Blick, etwas das er nicht deuten konnte.
      „Wie meint Ihr das?“
      Mütterlich lächelnd meinte Kara: „Sie ist ein Nachtmensch. Tagsüber schläft sie viel, wacht nur zum Essen auf und nachts ist sie putzmunter.“
      Der vielsagende Blick den Tarija mit ihm tauschte, jagte ihm einen eisigen Schauer über den Rücken.
      Das verheißt nichts Gutes. Oh, bitte lasst sie kein Wolfskind sein.
      Tarija strich erneut über Nayas winzige Wange. Als wenn die Kleine es spürte, dass es nicht ihre Mutter war, öffnete sie langsam ihre Lider. Alkijet hielt unweigerlich die Luft an. Klare smaragdfarbene Iriden sahen ihnen entgegen, weswegen Tarijas Finger in der Bewegung erstarrten.
      „Du hast dich nicht geirrt mein Sohn“, flüsterte sie. „Diese Augen sind einmalig.“
      Ein harter Kloß bildete sich in seinem Hals, den er nur schwer runterschluckte, als er den irritierten Blick von Kara bemerkte.
      „Alkijet? Was meint Mylady damit?“
      „Das Eure Tochter was einmaliges ist. Diese Augen sind das Erbe der Kardianer. Das Erbe einer einflussreichen Prophezeiung.“
      Kara erbleichte. „Ihr … ihr meint … Naya …“
      „Scheint ein Wolfskind zu sein, wie Alkje und ich.“
      Entgeistert sank Kara auf die nahe gelegene Steinbank. Alkijet setzte sich sofort an ihre Seite, Naya in den Armen, zugleich ließ sich Alijana zur anderen neben Kara nieder. Seine Schwester legte beruhigend den Arm um die Schultern seiner Gemahlin.
      „Kara. Ein Wolfskind zu sein ist nichts Schlechtes“, murmelte Alijana tröstend. „Sie besitzen eine bemerkenswerte Gabe und sie sind zu Großem vorbestimmt.“
      „Aber … aber wieso … meine Naya?“
      Tarija ging, mit bedauernder Mimik vor Kara in die Hocke. „Das wissen wir auch nicht. Die Wege der Prophezeiung sind verwirrend und manchmal nicht sofort erkennbar.“
      Alkijet sah in die Augen seiner Tochter, bevor er flüsterte: „Gibt es Anzeichen, wenn sie sich verwandelt?“
      „Alkijet!“, keuchte Kara und sah ihn entsetzt an.
      „Nein“, entgegnete Tarija in aller Seelenruhe. „Gereon konnte mir nie genaue Hinweise darauf geben. Meine damalige Verwandlung vom Wolf zum Menschen kam urplötzlich über Nacht, als ich vier Sommer alt war. Es war bei jedem Wolfskind bisher unterschiedlich, wann es sich verwandelte. Gereon selber war ein Junge, bevor er die Gabe erkannte.“
      „Ich ein Mann“, warf Alkje ein.
      Karas Blick huschte von einem zum anderen, ehe sie Alkijet wieder ansah.
      Bei Agin. Wieso geschieht das ausgerechnet uns.
      Behutsam lugte er zu seiner Mutter. „Was machen wir nun?“
      „Abwarten. Das Einzige was wir tun können, ist abwarten.“
      Er reichte Kara die Kleine, die Naya beschützend an ihre Brust schmiegte. Gleichzeitig vernahm er ein leises Schniefen, bevor er sich von der Bank erhob. Alkijet sah grüblerisch zum dämmrigen Himmel, wo der Mond bereits als Sichel zeigte. Tarija stand ebenfalls auf. Ihre Hand ruhte auf seiner Schulter.
      „Alkijet, wenn es dich beruhigt, so werde ich regelmäßig zu euch kommen. Bleibe für ein paar Tage hier, um in dieser Zeit mich mit Naya zu beschäftigen. Aber auch um ihre Entwicklung zu beobachten.“
      Ein herzzerreißendes Schluchzen erklang. Er sah sofort zu Kara, an deren Wangen dicke Tränen herunterkullerte, während sie sich an Alijana lehnte.
      „Was, wenn sie sich verwandelt, wenn Ihr nicht da seid?“, japste Kara, den Blick nicht von ihrer Tochter nehmend.
      Tarija sank erneut neben Kara und drückte sie tröstend an sich. „Dann komme ich, so schnell ich kann, und hole sie zu mir. Lehre sie alles, was sie als Wolfskind wissen muss, und erziehe sie, wie meine Tochter.“
      „Aber … ich kann doch meine Tochter nicht …“
      „Kara? Weißt du, wie man einen Wolf erzieht?“, fragte Alkijet bedächtig, woraufhin seine Gemahlin schniefend den Kopf schüttelte.
      „Noch ist es ja nicht soweit. Es kann womöglich Jahre dauern. Allenfalls vergehen vier Jahre, oder sie ist eine erwachsene Frau, bis sie ihre Gabe erkennt. Wann sie sich verwandelt, das weiß nur das Schicksal.“
      Kara gab Naya einen Kuss auf die Stirn, woraufhin die Kleine gluckste.
      „Habe ich eine andere Wahl?“
      Alijana holte Kara zurück in ihre Umarmung. „Wenn es um die Prophezeiung geht, leider nicht.“
      „Bevor wir hier weiter darüber diskutieren, wie wir mit all dem umgehen, würde ich sagen, wir gehen rein. Der Wind frischt auf.“ Alle Blicke richteten sich auf Alkje, der ernst dreinschaute, zugleich zu den Arkadengängen deutete.
      „Vater hat recht. Lasst uns reingehen.“ Er half Kara aufzustehen. Begleitete seine schluchzende Gemahlin in das Audienzzimmer, wobei sie Naya beruhigend wiegte.
      Dort angekommen lächelte Tarija aufmunternd. „Darf ich sie mal halten?“ Man sah Kara an, dass sie haderte, bevor sie die Kleine an Tarija weiterreichte, die sich daraufhin in einen Sessel setzte.
      Unverhofft klopfte es an der Tür, woraufhin alle verwundert das Türblatt anstarrten.
      „Herein“, befahl er und einer seiner schlaksigen Boten trat ein. Er verbeugte sich flüchtig und reichte ihm einen versiegelten Umschlag.
      „Ein Brief aus Ulso, Majestät.“
      „Aus Ulso?“ Stirnrunzelnd nahm er das Schreiben entgegen, während der Bote verschwand. Alkijet brach das Siegel. Lass sich in aller Ruhe die Zeilen durch, die mit einer eleganten geschwungenen Schrift auf dem Pergament zu sehen war.
      „Mutter, das … das solltest du dir bitte durchlesen.“
      Völlig perplex von den Worten reichte er Tarija den Brief, die Naya widerwillig Kara zurückgab.
      Mit jeder Zeile, die seine Mutter las, wurde ihr Gesicht zunehmend zu einer versteinerten Maske.
      „Was steht drin“, murrte Alkje und beugte sich über Tarijas Schulter, um ebenfalls den Text zu studieren.
      Ein unheimliches Schweigen erfüllte den Raum, bevor Tarija murmelte: „Das klingt nicht sehr gut.“
      „Was ist den los?“, entrüstete sich seine Schwester, die mit verschränkten Armen alle der Reihe nach ansah.
      „Den Sehern von Ulso ist etwas in der Prophezeiung aufgefallen, dass nichts Erfreuliches verheißt. Sie haben sogar den Absatz dazugeschrieben. Hört zu: Geboren wird ein zweites Kind, von Gram und Missgunst zerfressen. Es trachtet nach des Herrschers Thron, sollt das Erste die Aufgabe nicht erfüllen.“
      Alle schwiegen. Nur Nayas leise Schmatzen war zu hören.
      „Das hört sich für mich an, als würde es ein zweites Wolfskind geben. Aber wo?“, grummelte Alkje, während er sich aufrichtete.
      „Ich könnte es herausfinden“, ereiferte sich Alijana, woraufhin Tarija ihr zweiflerische Blicke zuwarf. „Was denn? Ihr wisst, ich komme gut allein zurecht. Umso eher wir wissen wo und wer, umso eher können wir es verhindern, dass der oder diejenige am Thron meines Bruders sägt.“
      Alkijet wusste nicht, was er zu solchen euphorischen Worten sagen sollte, als sein Vater ihm die Bürde abnahm.
      „Jetzt mach mal die Pferde nicht Scheu. Wenn dieses Kind, im gleichen Zeitraum auf die Welt kommt wie Naya, dann ist es die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Eher macht es Sinn, die Suche dann anzufangen, wenn Naya sich wandelt. Denn so, wie ich die Prophezeiung kenne, wird das dann auch das andere Kind tun.“
      „Außer das Schicksal geht mal wieder seinen eigenen Weg“, murrte Tarija.
      Alkje verdrehte die Augen, erwiderte aber nichts dazu.
      „Jetzt zu spekulieren wer, wo und wieso bringt vorerst nichts“, gab Tarija zu bedenken und erhob sie behäbig. „Ich würde sagen, lasst uns alle zur Ruhe kommen. Vielleicht bringt der morgige Tag besser Ideen und ausgeruht lässt sich auch besser über dieses Thema reden.“
      Keiner widersprach, weswegen sie sich zurückzogen.
      Alkijet fand in dieser Nacht jedoch keinen Schlaf. Die Ereignisse überschlugen sich regelrecht, was seine Gedanken im Kreis drehen ließ.
      Erst bewahrheitet es sich, dass meine Tochter ein Wolfskind ist. Dann gibt es angeblich auch noch ein Zweites. Warum nur. Bei Agin! Was haben wir übersehen? Was haben wir falsch gemacht in all den Jahren, dass die Prophezeiung so darauf reagiert?
      Innerlich fluchend suchte er Ablenkung in der Bibliothek. Er ergriff irgendein Buch, blätterte wahllos darin herum, bis die Müdigkeit in endgültig übermannte.


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    Ein Mann stand auf einer Klippe und beobachtete, wie sein Heimatland zu Staub zerfiel.
    Das Wasser brandete unter ihm, so tief unter ihm.
    Und er hörte ein Kind weinen.
    Es waren seine eigenen Tränen.

    Gesammelt am vierten Tanates im Jahr 1171, dreißig Sekunden vor dem Tod" - aus Weg der Könige von Brandon Sanderson

      Aktuelles Datum und Uhrzeit: Di Okt 27, 2020 11:04 am