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    Sexuelle Gewalt

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    Alandra Ossenberg
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    Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Alandra Ossenberg am Mo 5 Feb 2018 - 20:24

    Bin ich überempfindlich geworden? Kommt es mir nur so vor, oder wird sexuelle Gewalt im Fantasybereich in den Medien inflationär gebraucht - und zwar auf eine unnötige oder nicht kompetente Weise?

    Vorweg: Ich bin nicht grundsätzlich dagegen, dass die Darstellung von sexueller Gewalt vorkommt. Dass es z.B. im Rahmen eines Krieges zu Vergewaltigungen kommt, ist schon klar. Dass sie überhaupt in vielen Konstellationen vorkommen kann, weiß ich auch.

    Ich meine, dass sie auffällig oft als "billige Allzweckwaffe" benutzt wird, um emotionale Effekte zu haschen. "Billig" empfinde ich es auch dann, wenn bei sexueller Gewalt entweder die Folgen (sprich: das Leid der Opfer, egal welchen Geschlechts) hinterher unter den Tisch gekehrt werden oder weder differenziert noch realistisch sind. Das gilt umso mehr, je wichtiger ein Charakter ist. Damit kann u.U. auch eine Verharmlosung des Sachverhalts einhergehen, zumindest wirkt es manchmal auf mich so.


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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Airstrike am Mo 5 Feb 2018 - 21:30

    Vergewaltigung als Foltermethode finde ich relativ Quatsch. Es gibt wesentlich bessere, ja ich kann es nicht besser betonen, um längen bessere Foltermethoden, ja sogar welche wo man der Person nicht allzu sehr schadet, aber die Nerven erstellen halt dann trotzdem den Schmerz. Das kann man aber leicht nachgooglen, deswegen werde ich hier mal nicht ausführlicher. Das Motiv, dass man also Informationen gewinnen will indem man durch Vergewaltigung jemand foltert finde ich also recht unrealistisch.

    Vergewaltigung gab es aber in wahrscheinlich jedem Krieg, und unvermeidbar in den Kriegen, in denen Zivilisten auf feindliche Soldaten treffen. Als Beispiele fallen mir da spontan der Einmarsch der roten Armee nach Deutschland und das von Japanern regierte Korea. Das Kriegsgericht der roten Armee ahndete dabei Vergewaltigung sehr stark, weil Stalin Pläne hatte Teile Deutschlands zu annektieren und seine Armee dabei nicht das Image von Sexualstraftätern besitzen sollte, sondern eher das von Befreiern, aber die Soldaten hatten eine Art Rachegedanke. Was Korea angeht: Zu Zeiten imperialistischen Japans wurde es besetzt und junge Frauen wurden oft in Offiziersbordelle gesteckt.
    Um mal diesen Gedanken zum Ende zu bringen: Es ging dabei nicht vordergründig um Verhör oder so, sondern um Vergnügen des Täters. Solche Szenen wie du sie beschriebst sind eher dafür gedacht, für Aufmerksamkeit zu sorgen. Außerdem ist es die höchste Steigerung an billiger Spannung (Sex & Gewalt) die möglich ist.





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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Strato Incendus am Di 6 Feb 2018 - 0:19

    Ehrlich gesagt hatte ich mich schon gewundert, dass dieses Thema hier noch nie aufgekommen ist, weil es auch mir in der Tat derzeit medial omnipräsent scheint.  

    Bezüglich Kriegsverbrechen: Wurde das nicht auch im Jugoslawien-Krieg in Srebrenica systematisch gemacht? "Systematisch" unterstellt hierbei, dass es einem Zweck diente und eben nicht nur Ausschweifungen der Besatzungsmacht waren. scratch

    Airstrike schrieb:Vergewaltigung als Foltermethode finde ich relativ Quatsch.

    Habe ich in der Form auch nur bei Eragon gelesen, und zwar auch nur als Vorhaben, nicht de facto ausgeführt.

    Es würde mMn höchstens Sinn ergeben, wenn der Bösewicht, der foltert, eine persönliche Beziehung zum Opfer hat. Dann mischt sich das Kalkül / die "Notwendigkeit" der Folter zum In-Erfahrung-Bringen von Informationen mit den persönlichen Gelüsten des Antagonisten.

    Da ergibt es dann auch Sinn, dass er andere, vielleicht effektivere Foltermethoden vernachlässigt, die der Person mehr bleibende physische Schäden zufügen würden:

    Airstrike schrieb:Es gibt wesentlich bessere, ja ich kann es nicht besser betonen, um längen bessere Foltermethoden, ja sogar welche wo man der Person nicht allzu sehr schadet, aber die Nerven erstellen halt dann trotzdem den Schmerz.

    Deshalb lasse ich meinen Bösewicht auch erstmal Waterboarding anwenden. Psychoterror statt Game of Thrones-mäßiger Verstümmelei mit Blutgespritze... und außerdem noch ein zeitgemäßer Kommentar. Es mag sich dabei zwar um eine moderne Foltermethode handeln, aber was man dafür an "Requisiten" braucht, wäre ja nun auch schon im Mittelalter verfügbar gewesen.

    Außerdem, so kreativ, wie mittelalterliche Folterknechte mit ihren Werkzeugen waren, kann ich mir kaum vorstellen, dass nicht damals auch schon mal jemand das Waterboarding entdeckt und ausprobiert hat. Der wird es dann nur natürlich anders genannt haben.

    In welchem Verhältnis es von der Brutalität her allerdings zu mittelalterlichen Methoden steht, ist wohl schwierig zu beurteilen. In YouTube-Kommentaren, etwa unter dem Video, wo Christopher Hitchens das im Selbstversuch ausprobiert hat, haben sich einige angebliche Exsoldaten zu Wort gemeldet, die auch noch so einiges anderes mitgemacht haben und da ein "Ranking" erstellen konnten. Klar, dass verbrannt werden schlimmer sein dürfte, ist plausibel. Aber auf YouTube kann natürlich auch manch einer viel schreiben, wenn der Tag lang ist  Rolling Eyes .

    Airstrike schrieb:Solche Szenen wie du sie beschriebst sind eher dafür gedacht, für Aufmerksamkeit zu sorgen.

    Jepp... und diese häufige Verwendung dieses Tools lässt Feministinnen dann an Dinge wie die "Rape Culture" glauben, die solche Verbrechen angeblich normalisiert oder entschuldigt.
    Ich fände den Begriff eher passend, um auszudrücken, dass die Geschichten unserer modernen Kultur einfach generell besessen scheinen von diesem Thema... und eben gerade nicht in verharmlosender Weise, sondern nach Manier der 1970er-Exploitation-Filme (I Spit On Your Grave, Last House on the Left etc.), um schnell eine emotionale Reaktion beim Leser / Zuschauer zu erzeugen.

    Deshalb vergewaltigen Terry Goodkinds Bösewichte ja auch mit einer Häufigkeit, mit der andere ihre Unterhosen wechseln. Immer wieder das gleiche billige Rezept Rolling Eyes ...

    Airstrike schrieb:Außerdem ist es die höchste Steigerung an billiger Spannung (Sex & Gewalt) die möglich ist.

    Wie sagte Spider-Man in einem Comic: "Früher haben die bösen Buben wenigstens immer nur Banken ausgeraubt." Ja, die Toleranz der Bevölkerung ist da deutlich nach oben gegangen.

    Es funktioniert, weil bei weiblichen Charakteren evolutionär bedingt das Opfermotiv greift. Ihre Leben werden als wertvoller betrachtet - was sie evolutionär gesehen auch sind, daher heißt es ja auch "Frauen und Kinder zuerst" - darum ist es umso dramatischer, wenn einer Person etwas geschieht, die eigentlich von den anderen Charakteren beschützt werden sollte.

    Die einzige Möglichkeit, das noch zu übertreffen, wäre demnach, wenn jemandem aus der noch stärker schutzbedürftigen Gruppe - sprich: einem Kind - in einer Geschichte irgendetwas zustößt. Damit meine ich jetzt nicht sexuell, sondern allgemein.

    Um nochmal zu Eragon zurück zu kommen: Da gibt es ja in dieser einen Stadt die Szene mit dem Leichenhaufen mit dem aufgespießten Baby obendrauf. Auch in Horrorfilmen sind deshalb Kinder ja oft als Opfer zu sehen (wobei die Schauspieler dann ihren eigenen Film erstmal eine ganze Weile nicht sehen dürfen ).

    Rein evolutionär müssten solche Szenen über ein großes Publikum hinweg noch stärkere emotionale Reaktionen auslösen.

    Dennoch, in letzter Zeit scheint es mehr Frauen in Opferrolle zu geben als Kinder. Womöglich hat das damit zu tun, dass heutzutage weniger Menschen Kinder haben als früher? Das Publikum, bei dem man durch das Opfermotiv die emotionale Reaktion auslösen will, ist nämlich im Fall eines kindlichen Opfers stärker auf Eltern begrenzt. Wer selbst noch keine Kinder hat, kann das oft weniger nachvollziehen - also, auf rationaler Ebene natürlich schon, aber nicht "viszeral" Wink .

    Und wenn männliche Soldaten in großen Schlachten reihenweise weggeschnetzelt werden, ist das für uns Fantasy-Leser mittlerweile auch Normalzustand. Bleibt also nur noch eine Frau als Opfer. Und bei erwachsenen weiblichen Charakteren scheint es sich mittlerweile fast anzubieten, da auf sexuelle Gewalt zurückzugreifen.

    Bei Kindern hat man dieses letzte Tabu zum Glück noch nicht flächendeckend gebrochen - was auch damit zu tun haben könnte, dass man sich mit einer solchen Darstellung in einem Buch, geschweigedenn einem Film relativ schnell in strafrechtlich relevante Bereiche begibt. Nichtsdestotrotz gibt es natürlich auch immer mal wieder Bösewichte, die Kinderschänder sind - auch hier ist wieder Terry Goodkind als Autor zu nennen, der gleich zwei seiner Antagonisten, Darken Rahl und vor allem seinem Handlanger Demmin Nass - diese "Eigenschaft" gegeben hat. Häufiger jedoch sehe ich das Motiv, dass irgendein erwachsener Charakter (männlich oder weiblich) eine Missbrauchsvorgeschichte hat, d.h. mit einem Kindheitstrauma kämpft, dieses aber nie explizit beschrieben wird.

    Und mal eine ähnlich kontroverse Behauptung - vielleicht haben wir ja auch mittlerweile mit weiblichen Charakteren mehr Empathie als mit Kindern Rolling Eyes . Ein Beispiel dafür wäre etwa, wie sich die gesellschaftliche Sicht auf Abtreibung geändert hat. Wie immer man dazu stehen mag, Fakt ist: Früher stand das Leben des Kindes über dem Willen der werdenden Mutter, heute ist es eher anders herum.

    Airstrike schrieb:Spannung (Sex & Gewalt)

    Hier möchte ich nochmal einhaken: Sex und Gewalt sind aus meiner Sicht primär "Stimulanzen" für den Leser / Zuschauer - sie erzeugen für sich gesehen keine Spannung, im Gegenteil, sie sind mehr "Entladung" von etwas, das sich vorher angekündigt hat.

    Sonst müsste ein Porno ja der Inbegriff der Spannung sein . Ich denke, da würden die meisten aber widersprechen, denn beim Porno ist jedem von vorneherein klar, was passieren wird - die Frage ist nur das "wie".

    Unter Spannung hingegen verstehe ich im Zusammenhang von Geschichten eher
    - bezogen auf Sex oder Romanzen das ewige "werden sie oder werden sie nicht?"
    - bezogen auf Gewalt die Erwartung, ob sie abgewendet werden kann, und wenn ja, ob rechtzeitig

    Ein Grund etwa, warum die Todesszenen im Lied von Eis und Feuer so eine Wirkung haben, ist, weil sie die Grundannahme des idealistischen Lesers von der "Plot Armour" - also, dass den Protagonisten schon nichts geschehen wird - so eiskalt verletzen. Sie spielen mit dieser Erwartung, dass gleich doch noch jemand im letzten Moment einschreiten und die Hinrichtung verhindern wird - aber nein, genau das passiert dann eben nicht Smile .

    In Bezug auf sexuelle Gewalt ist das ähnlich: Die Anzahl an Geschichten, in denen eine Vergewaltigung zu passieren droht, aber in letzter Sekunde verhindert wird, dürfte deutlich größer sein als die Anzahl jener, in denen sie tatsächlich stattfindet. Spannung entsteht also hier dadurch, dass dem Leser klar wird, was gleich passieren könnte, und er mitfiebert, ob es nochmal gut ausgeht. Wenn nicht, ist das meist ein Schlag ins Gesicht oder - in dem Fall treffender gesagt - ein Tritt in die Weichteile Smile .


    Alandra Ossenberg schrieb:"Billig" empfinde ich es auch dann, wenn bei sexueller Gewalt entweder die Folgen (sprich: das Leid der Opfer, egal welchen Geschlechts) hinterher unter den Tisch gekehrt werden

    Jetzt geht's los, du hast einen Psychologen auf den Plan gerufen! Very Happy

    Aber in der Tat hat es mich schon vor Beginn meines Studiums gewundert, wie spielend leicht etwa Aliena in Ken Follets "Säulen der Erde" damit klarzukommen scheint.
    Die Säulen der Erde:
    Sie hat zwar ab und an mal Flashbacks, ja, aber wenn sie dann mit ihrem Lover ins Bett hüpft, hat sie trotzdem keine Hemmungen und sagt bloß etwas à la "Ich hätte nie gedacht, dass das so schön sein könnte..." etc.

    Dagegen steht die ebenfalls korrekte Aussage einer unserer Dozentinnen, die Seele sei "wie ein Gummiband" und halte mehr aus, als man sich so landläufig vorstellen könnte. Tatsächlich leiden viele Menschen sogar unter dem alltäglichen Kleinkram ("daily hassles") stärker als unter schwerwiegenden Ereignissen ("life-changing events"), welche Menschen tendenziell eher enger zusammenbringen ("Not schweißt zusammen").

    Es lässt sich also nicht pauschal festhalten, wie "ein echtes Opfer" reagieren würde. Ich habe es z.B. im Zusammenhang von schweren Krankheiten erlebt - sowohl bei mir selbst als auch bei Gesprächspartnern - dass manche Menschen am besten über Humor mit ihrem Schicksal fertig werden. Konkret kenne ich jemanden, der bei einem Arbeitsunfall seinen Arm verloren hat, und seine Kollegen meinten, wenn man ihn danach fragt, erzählt er das mittlerweile, als sei das bloß so eine witzige Geschichte. Rolling Eyes

    Ich selbst habe als Kind kurz vor einer Notfalloperation eine Szene der dreisten Drei zitiert, wo Markus Majowski sagt "Schnipp schnapp, ist der Enddarm ab."
    Sehr zur Überraschung der Krankenpfleger Very Happy . Aber naja, ich wusste ja, in der Narkose würde ich nichts mitkriegen.

    Alandra Ossenberg schrieb:oder weder differenziert noch realistisch sind.

    Und auch das halte ich eben für schwierig zu beurteilen, zumindest für die meisten Laien-Leser. Denn erstens entwickelt nicht jedes Gewaltopfer eine posttraumatische Belastungsstörung, und zweitens, selbst wenn man einem seiner Charaktere eine solche verpassen will - wie realistisch will man das machen, wenn man selbst nicht unter einer leidet? Smile Das dürfte ja nun zum Glück bei den wenigsten von uns der Fall sein. Man kann jedoch vielleicht versuchen, sich über angrenzende Phänomene, die häufiger sind - Depressionen oder Angststörungen etwa - an die psychische Problematik heranzutasten.

    Wenn ein Charakter etwa infolge sexuellen Missbrauchs eine Phobie vor körperlicher Nähe oder sexueller Begierde anderer entwickelt hat, dann würde man das angehen können wie jede andere Phobie auch: mit Desensibilisierung, Entspannung... und Konfrontationstherapie. Letzteres bedeutet, sich in irgendeiner Form dem angstauslösenden Reiz auszusetzen - das kann z.B. sein, indem man den Ort des Geschehens erneut aufsucht, falls möglich. Oder natürlich man geht zurück zum Aliena-Beispiel und überlegt, was in diesem speziellen Fall die nächstliegende Form der "Konfrontationstherapie" wäre...

    Die Frage "was kann man recherchieren und was muss man alles selbst erlebt haben, um darüber schreiben zu können?", kann hier also auch wieder losgetreten werden Smile . Interessanterweise kommt sie vorwiegend im Zusammenhang mit Sexszenen - ob gewolltem oder ungewolltem - auf, nie aber im Zusammenhang mit bspw. Schwertkampf-, Reit- oder Schmiedekenntnissen .

    Dabei habe ich bereits in beiderlei Hinsicht solch haarsträubenden Unrealismus gelesen . Eragon, der sein Kettenhemd in den Rucksack packt, damit es leichter ist; bei Bernhard Hennen können Kettenhemden offenbar Wucht abfangen, aber Schnitte nicht (statt genau andersherum), und die meisten Sexszenen in Fantasy-Büchern lesen sich für mich eher wie Projektionen der Fantasien des Autors... im Guten wie im Schlechten . Das fängt beim Aussehen der Charaktere an, geht über die Umstände, die zu dem Ganzen führen, und endet bei der konkreten Schilderung, meist einer Mischung aus persönlichen Wunschvorstellungen und pornografischer Fleischbeschau (=detaillierte Beschreibung von Körperteilen).

    "Realismus" in Form von eventuell auftretenden Frustrationen und Peinlichkeiten ist dann eher dem Comedy-Genre vorbehalten. Very Happy


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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Alandra Ossenberg am Di 6 Feb 2018 - 8:11

    Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich bei "Opfern von sexueller Gewalt" Männer mit eingeschlossen haben möchte. Ist ja nicht so, dass ihnen nie etwas angetan würde! Ganz im Gegenteil! Sexuelle Gewalt hat ja hauptsächlich was mit Machtdemonstration zu tun.

    Natürlich ist es richtig, dass Leute ganz unterschiedlich auf so etwas reagieren/damit umgehen und dass nicht alle PTSD/Stockholmsyndrom/ etcpp entwickeln. Aber zumindest gibt es doch oft genug in irgendeiner Weise erkennbare Reaktionen (hat meine Mutter während der Zeit der Balkankriege im Krankenhaus alles live mitbekommen, wie Opfer dann so drauf sind), dass sich Leute irgendwie verändern. Muss ja nicht immer im Großen sein. Da das Sexuelle so sehr schambehaftet ist, ist mir Humor an der Stelle noch nicht untergekommen, anders als bei Unfällen, OPs, Kampferlebnissen. Ich will nicht sagen, dass es sowas nicht gibt, aber zumindest habe ich noch nicht gehört, dass von Opferseite jemand darüber gewitzelt hätte, dass "ein Tavernenbesitzer mal dringend sein Würstchen hätte an die Frau bringen müssen".

    Es sind ja aber in den Medien nicht nur die Opferreaktionen, die zählen, es ist ja auch das Narrativ. Ich möchte das Gefühl haben, dass der Autor/Filme-/Spielemacher eine Vergewaltigung als solche erkennt und nicht verharmlost. "Nur" weil jemand ein Callboy ist, heißt das nicht, dass er nicht auch Opfer werden kann oder dass das weniger schlimm wäre, weil das ja eine Art "Berufsrisiko" sei. Verharmlosung wäre eine "du willst es doch eigentlich auch"-Mentalität, wenn das Opfer am Anfang klar "nein" sagt und dann während des Akts Lust empfindet und einem im Zusammenhang insgesamt der Eindruck vermittelt wird, dass es dann ja nicht so schlimm wäre. Oder wenn reihenweise mit dem Klischee gearbeitet wird, dass ein Opfer nach einer Vergewaltigung charakterlich stärker/ mehr ein(e) aktiv Handelnde(r) wird als vorher wird (klassischerweise die sanfte Frau, die zur Kick-Ass-Bitch wird)... und einem das dann im Narrativ noch als positiv verkauft wird.

    Es sind also nicht immer nur die Reaktionen der Opfer selbst, sondern der Kontext, in dem einem das verkauft wird.


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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Bdn130671 am Di 6 Feb 2018 - 10:11

    Schwieriges Thema. Es sollte klar sein, dass es nicht um reine Effekthascherei gehen sollte, sondern die Handlung weiterbringt. Und ja, im weitesten Sinne wird es eine solche Szene auch in meinem Roman geben. Zwar handelt es sich hier um eine D/s-Beziehung zwischen meinem Antagonisten und einer Begine. Da er dieses Machtgefälle jedoch aus purem Selbstzweck für sich als Werkzeug ausnutzt, handelt es sich um Missbrauch, der am Ende tragisch für sie endet, aber gleichzeitig den Antagonisten zu Fall bringt.


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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Alandra Ossenberg am Di 6 Feb 2018 - 11:27

    Bdn130671 schrieb:Schwieriges Thema. Es sollte klar sein, dass es nicht um reine Effekthascherei gehen sollte, sondern die Handlung weiterbringt. Und ja, im weitesten Sinne wird es eine solche Szene auch in meinem Roman geben. Zwar handelt es sich hier um eine D/s-Beziehung zwischen meinem Antagonisten und einer Begine. Da er dieses Machtgefälle jedoch aus purem Selbstzweck für sich als Werkzeug ausnutzt, handelt es sich um Missbrauch, der am Ende tragisch für sie endet, aber gleichzeitig den Antagonisten zu Fall bringt.

    Ich hoffe auch, es kam jetzt nicht so rüber, als wolle ich den Leuten das Thema zu verbieten. Es ging mir nur um eine Sensibilisierung für das Thema, weil ich es in der letzten Zeit oft auf eine Weise wahrgenommen habe, die ich als unangemessen/unreflektiert wahrgenommen habe. Das hat dazu geführt, dass ich derzeit beim eigenen Medienkonsum und beim Schreiben auf diesen Aspekt gut verzichten kann...


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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Bdn130671 am Di 6 Feb 2018 - 11:47

    Alandra Ossenberg schrieb:


    Ich hoffe auch, es kam jetzt nicht so rüber, als wolle ich den Leuten das Thema zu verbieten. 

    Nein, gar nicht. Finde das ist ein interessantes Thema, über das es sich zu diskutieren lohnt.
    Alles gut! 


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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Strato Incendus am Di 6 Feb 2018 - 20:37

    Alandra Ossenberg schrieb:hat meine Mutter während der Zeit der Balkankriege im Krankenhaus alles live mitbekommen, wie Opfer dann so drauf sind), dass sich Leute irgendwie verändern. Muss ja nicht immer im Großen sein. Da das Sexuelle so sehr schambehaftet ist, ist mir Humor an der Stelle noch nicht untergekommen, anders als bei Unfällen, OPs, Kampferlebnissen.

    Das ist interessant zu hören! Smile Gerade, wenn deine Mutter im Krankenhaus arbeitet und damit sowohl Unfallopfer und OP-Patienten als eben auch Missbrauchsopfer kennen gelernt hat, somit also den Vergleich ziehen kann.

    Ich hatte auch nicht vor, meine Charaktere diesbezüglich eine humorbasierte Coping-Strategie anwenden zu lassen. Galgenhumor ist bei mir buchstäblich für den Galgen reserviert Very Happy (da steht einigen eine Hinrichtung bevor und einer stellt schließlich fest "Sterben kann nicht so schwierig sein, bisher hat es noch jeder geschafft").

    Humor ist nur das drastischste Beispiel, um generell zu zeigen "oftmals reagieren Leute anders als man aufgrund medialer Darstellungen erwarten würde".

    Die YouTuberin Lauren Southern hat dies z.B. auch bezüglich der Konfrontation mit dem Tod festgestellt. In Filmen passiert der Tod für gewöhnlich laut, mit viel Geschrei, Zeitlupe, dramatischer Musik und als Sahnehäubchen vielleicht noch dem klischeehaften, langgezogenen "Neeeiin!" irgendeines dabeistehenden Charakters .

    Southern beschrieb daraufhin, wie es ihr ergangen sei, als eines Abends auf der Rückfahrt von einem Date vor ihr jemand einen tödlichen Unfall gebaut hatte - sie sei erst einmal einfach nur in Schockstarre gewesen.

    In einem Film kann man sowas leider schlecht darstellen, da man als Zuschauer dann die ganze Zeit nur eine stillstehende Person sehen würde. Im Buch hingegen kann man den Leuten ja in den Kopf gucken und die Gedanken und Gefühle beschreiben, die demjenigen gerade durch den Kopf gehen.

    Und um den Bogen zurück zu kriegen: Ihr Date-Partner, der mit bei ihr im Auto saß, soll nach Verlassen des Unfallortes, um sie aufzuheitern - nicht etwa, um geschmacklos zu sein - tatsächlich gesagt haben: "Well... that killed the mood, didn't it?" Darauf habe sie dann tatsächlich mit Lachen reagiert.

    Alandra Ossenberg schrieb:Oder wenn reihenweise mit dem Klischee gearbeitet wird, dass ein Opfer nach einer Vergewaltigung charakterlich stärker/ mehr ein(e) aktiv Handelnde(r) wird als vorher wird (klassischerweise die sanfte Frau, die zur Kick-Ass-Bitch wird)... und einem das dann im Narrativ noch als positiv verkauft wird.

    Das ist das alte "what doesn't kill you makes you stronger"-Klischee. Es mag ja auch durchaus einen wahren Kern haben, allerdings ist das ein langfristiger Prozess - erstens ist es nicht garantiert, dass die Verarbeitung der Vergangenheit positiv verläuft, und zweitens braucht dies für gewöhnlich länger als man in der knappen Zeit eines Spielfilmes oder des Zeitraumes, den ein Buch überblickt, zeigen kann.

    Deshalb wird die Phase des "Wundenleckens" oft übersprungen und die Person wandelt sich vom Gerade-noch-Opfer ohne lange Entwicklung oder Regeneration zur Mary Sue (weil sie ohne Erklärung plötzlich viel mächtiger ist), die ihre Gewalterfahrung lediglich als eine "schmückende Narbe" vor sich her trägt, um damit zu unterstreichen, wie stark sie doch ist, und um "ein Leuchtfeuer für andere" zu sein.

    Alandra Ossenberg schrieb:Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich bei "Opfern von sexueller Gewalt" Männer mit eingeschlossen haben möchte. Ist ja nicht so, dass ihnen nie etwas angetan würde!

    Das ist klar. Die Art, wie dies in Geschichten verwendet wird, ist jedoch meist eine gänzlich andere Smile .
    Bei weiblichen Charakteren dienen solche Szenen dazu, den Beschützerinstinkt auszulösen, Sympathien für den betroffenen Charakter zu wecken und den Antagonisten hassenswerter zu machen.
    Bei männlichen Charakteren hingegen werden vergangene sexuelle Gewalterfahrungen gerne benutzt, um zu erklären, warum sie einen bestimmten Charakterfehler entwickelt haben. Mitleid auslösen oder Sympathie erwecken (ist im Englischen ja sogar das gleiche Wort, "sympathy") hat hier weniger Priorität.

    Spoiler für "Borgia", "Borgen", "Schwert der Wahrheit", "Dr. House":

    Cesare Borgia in der "Borgia"-Serie mit John Doman - neigt zu Gewalt und Größenwahn, wird außerdem nach seiner Vergewaltigung von seinem Bruder Juan nicht mehr als Mann ernst genommen (Juan sagt, er habe nun eine weitere Schwester)

    Kasper Juul aus "Borgen" - ist anscheinend aufgrund des Missbrauchs durch seinen Vater nicht beziehungsfähig und lange Zeit entschlossen, selbst keine Kinder haben zu wollen; eine Entscheidung, an der seine eigenen Beziehungen wiederholt zu Bruch gehen; hauptsächlich deshalb, weil er notorisch über seine eigene Vergangenheit lügt und somit keine Vertrauensbasis mit seinen Partnerinnen aufbauen kann

    Richard Cypher / Rahl aus dem "Schwert der Wahrheit" darf in seiner Zeit der Gefangenschaft bei der Mord-Sith Denna auch als deren Lustknabe herhalten. Diese Erfahrung bringt ihn dazu, später freiwillig einen Strafer in die Hand zu nehmen und sich selbst wehzutun, um andere Probleme auszublenden; außerdem lehnt er um ein Haar den Rada'han ab, einen Halsring, der ihn vor dem Tod durch seine eigene magische Gabe bewahren kann, und gefährdet damit sein Leben - weil er in Dennas Gewalt ebenfalls einen Halsring tragen musste und nie wieder einen anziehen will. Seine Geliebte Kahlan kann ihn letztendlich nur davon überzeugen, indem sie ihn "triggert" und so tut, als sei sie Denna.

    Dr. House aus der gleichnamigen Serie verrät in einer Folge, in der das Princeton Plainsboro ein Vergewaltigungsopfer beherbergt, dass er selbst von seinem Vater missbraucht wurde (ich denke, hier ist sein Ziehvater gemeint, nicht sein leiblicher). Davor oder danach wird das nie wieder relevant für die Handlung. Neben seinen chronischen Beinschmerzen, seiner darin begründeten Vicodinabhängigkeit und seiner Scheidung reiht sich das also einfach nur mit ein in die Liste der Erklärungen dafür, warum House ein Misanthrop ist.


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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von marismeno am Do 15 Feb 2018 - 17:17

    Sexuelle Gewalt ist nicht nur die Vergewaltigung durch einen gerade vorbeikommenden Verbrecher oder Eroberer.

    Sie kann durchaus der "Normalzustand" im betreffenden Fantasy-Setting sein. Ob jetzt männliche oder weibliche Sklaven ihrer sexuellen Selbstbestimmung beraubt sind oder ob Zwangsverheiratungen und Erfüllung "ehelicher Pflichten" von den Betreffenden erwartet wird, das sind Dinge, die auch in der Realität stattgefunden haben und sogar heute noch täglich stattfinden. Neben den erwähnten Kriegsgreueln. Noch vor wenigen Jahrzehnten hatte ein Mann auch in Deutschland das Recht, von seiner Frau regelmäßige Zuwendung zu verlangen. Und Vergewaltigung in der Ehe ist erst seit kurzer Zeit ein Straftatbestand! "Nein heißt nein!" ist eine ziemlich neue Erfindung, die sich auch noch nicht überall durchgesetzt hat..

    Ich erinnere an die Exzesse durch "Boko Haram" und IS in Afrika und Nahost, auch auch anBerichte über Beschneidungen, über Vielweiberei in bestimmten Kulturen(v.a. immer noch in Afrika) über Verheiratungen kleiner (neunjähriger!) Mädchen mit alten Männern. Und auch in Deutschland werden immer noch Frauen und Männer von ihren Eltern verheiratet, ob sie wollen oder nicht. Auch für einen Mann ist das nicht so klasse, jemanden heiraten zu müssen, den er nicht liebt, umso mehr, falls er jemand anderen liebt oder/und homosexuell sein sollte. Und durch den Einreise von Ehepaaren, in denen die Ehe"frau" noch ausgesprochen minderjährig (14 J.!) ist oder in denen es nicht nur eine Ehefrau gibt, steht unsere egalitäre, europäische Gesellschaft vor die Wahl sich zwischen der Einhaltung der eigenen, schwer erkämpften Gesetzen und der Toleranz für die (nach hiesigem Gesetz illegalen)Traditionen ausländischer Gäste entscheiden zu müssen.    

    Aber das ist die Realität und wir diskutieren hier ja über Fantasy. Ich meine, wenn man eine Geschichte schreibt, die in der das Recht des Stärkeren Gültigkeit hat, gehört auch die Möglichkeit dazu, dass dieses Recht im sexuellen Kontext ausgeübt wird. Es kommt (wie bei der Schilderung von Gewalt allgemein) darauf an, wie ausführlich man als Autor darauf eingeht. Die bloße Erwähnung von Gewalt, auch sexueller Gewalt, ist nochmal was anderes als die Darstellung detaillierter, brutaler Vergewaltigungsszenen. Der Autor muss sich hier entscheiden, was er schreiben möchte und welche möglichen Leserinteressen er bedienen will.

    Ich möchte aber auch noch anmerken, dass in Gesellschaften, in denen bestimmte Personengruppen wegen ihrer Gruppenzugehörigkeit besonderen Gefahren ausgesetzt sind, auch oft besondere Regelungen zu deren Schutz vorhanden sind. So gibt es in muslimischen Gesellschaften die Pflicht zum Tragen von Kopftuch (oder umffangreicherer Bedeckungen), das Verbot, bestimmte Berufe auszuüben und das Haus allein zu verlassen ursprünglich zum Schutz der betroffenen Frauen. Dass manch einer diese eher als Einschränkung, denn als Schutz ansehen würde, ist eine andere Sache. Es wäre doch mal witzig, eine Fantasygeschichte zu schreiben, in der die Geschlechterrollen umgekehrt definiert sind! Versuche dazu gibt es einige. Die, die ich gelesen habe bedienen allerdings lediglich bestimmte sexuelle Vorlieben.


    Zuletzt von marismeno am Fr 16 Feb 2018 - 10:11 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Alandra Ossenberg am Do 15 Feb 2018 - 19:44

    Dass solche Dinge thematisiert werden, habe ich ja auch nicht grundsätzlich verdammt. Es geht auch und gerade um das Wie der Darstellung. Und da habe ich einfach arg viele arg schlecht gemachte Umsetzungen gelesen bzw. gesehen.

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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von marismeno am Fr 16 Feb 2018 - 10:09

    Ich wollte Dich oder Deine Aussagen auch gar nicht angreifen, Alessandra. Was Du geschrieben hattest, fand ich im Gegenteil sehr beachtenswert (z.B. die dauerhaft traumatisierende Wirkung von sexueller Gewalt, dass ein Opfer vielleicht Jahre braucht, ehe es sich wieder ohne Angst auf eine zärtliche Berührung einlassen kann). Mein Beitrag war nur als Ergänzung gemeint.
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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Alandra Ossenberg am Fr 16 Feb 2018 - 10:33

    Hallo Marismeno,
    ich hatte das auch nicht als Angriff verstanden, wollte das nur nochmal auf den Anfang verweisen.


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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Sabine am Fr 16 Feb 2018 - 10:45

    ich persönlich würde so manches tatsächlich strafrechtlich verfolgen. Terry Goodkind geht meiner Meinung nach schon über die Grenze hinaus. Insgesamt habe ich auch den Eindruck, dass Sex und Gewalt in einem Ausmaß verwendet werden, das nicht nur die Grenzen des guten Geschmacks überschreitet.

    So richtig doll stört mich die Schilderung der Tat aus der Sicht des Täters, also Beschreibungen darüber, wie sich der Vergewaltiger an der Tat "erfreut". Ich bin z.B. beim Lesen von Terry Goodkind, als ich bei einer besonders widerwärtigen Szene landete, vom Sofa hochgesprungen, nach unten gerannt und hab das Buch in die Mülltonne gedonnert, so schlimm fand ich das.

    Hier erst einmal aus dem Strafgesetzbuch:

    § 131 Gewaltdarstellung
    (1) Mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer

    eine Schrift (§ 11 Absatz 3), die grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen in einer Art schildert, die eine Verherrlichung oder Verharmlosung solcher Gewalttätigkeiten ausdrückt oder die das Grausame oder Unmenschliche des Vorgangs in einer die Menschenwürde verletzenden Weise darstellt,
    a) verbreitet oder der Öffentlichkeit zugänglich macht,
    b) einer Person unter achtzehn Jahren anbietet, überlässt oder zugänglich macht oder
    einen in Nummer 1 bezeichneten Inhalt mittels Rundfunk oder Telemedien
    a) einer Person unter achtzehn Jahren oder
    b) der Öffentlichkeit zugänglich macht oder
    eine Schrift (§ 11 Absatz 3) des in Nummer 1 bezeichneten Inhalts herstellt, bezieht, liefert, vorrätig hält, anbietet, bewirbt oder es unternimmt, diese Schrift ein- oder auszuführen, um sie oder aus ihr gewonnene Stücke im Sinne der Nummer 1 Buchstabe a oder b oder der Nummer 2 zu verwenden oder einer anderen Person eine solche Verwendung zu ermöglichen.
    In den Fällen des Satzes 1 Nummer 1 und 2 ist der Versuch strafbar.

    (2) Absatz 1 gilt nicht, wenn die Handlung der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte dient.


    Weitreichender geht es natürlich noch im Jugendschutz. Hier ein paar Auszüge.

    Gesetzlich geregelte Fallgruppen
    Im Jugendschutzgesetz (JuSchG) werden bestimmte Fallgruppen jugendgefährdender Medien genannt, die von der BPjM zu indizieren sind. Dies sind unsittliche, verrohend wirkende, zu Gewalttätigkeit, Verbrechen oder Rassenhass anreizende Medien sowie Medien, in denen Gewalthandlungen wie Mord- und Metzelszenen selbstzweckhaft und detailliert dargestellt werden oder Selbstjustiz als einzig bewährtes Mittel zur Durchsetzung der vermeintlichen Gerechtigkeit nahe gelegt wird (§ 18 Abs. 1 Satz 2 JuSchG).

    Zu diesen gesetzlich geregelten Fallgruppen finden Sie nachfolgend weiterführende Informationen.

    Verrohende Wirkung
    Anreizen zu Gewalttätigkeit
    Anreizen zu Verbrechen
    Anreizen zu Rassenhass
    Selbstzweckhafte, detaillierte Gewaltdarstellungen
    Nahelegung von Selbstjustiz
    Unsittlichkeit


    Verrohend wirkende Medien
    Verrohend wirkende Medien sind solche, die geeignet sind, durch das Wecken und Fördern von Sadismus, Gewalttätigkeit, Hinterlist und gemeiner Schadenfreude einen verrohenden Einfluss auf Kinder und Jugendliche auszuüben. Daneben ist unter dem Begriff der Verrohung auch die Desensibilisierung von Kindern und Jugendlichen im Hinblick auf die im Rahmen des gesellschaftlichen Zusammenlebens gezogenen Grenzen der Rücksichtnahme und der Achtung anderer Individuen zu verstehen. Gemeint ist nicht, dass minderjährige Rezipienten aufgefordert werden, ebenfalls Gewalttaten zu begehen, sondern dass durch den Konsum derartiger Medien ihre Mitleidsfähigkeit herabgesetzt wird und sie dem Leiden Dritter eher gleichgültig gegenüberstehen (Empathieverlust).
    Auch Gewaltanwendung, welche durch aufwändige Inszenierung ästhetisiert wird, kann ebenso "verrohende Wirkung" zeitigen wie zynische oder vermeintlich komische Kommentierungen von Verletzungs- und Tötungsvorgängen.

    Unsittliche Medien
    Der Begriff "unsittlich" ist nicht im allgemeinen moralischen, sondern im sexuellen Sinne zu verstehen. Unsittliche Medien sind solche mit sexuell-erotischem Inhalt, die nach Inhalt und Ausdruck objektiv geeignet sind, in sexueller Hinsicht das Scham- und Sittlichkeitsgefühl gröblich zu verletzen, jedoch noch nicht den Straftatbestand der Pornographie erfüllen.

    Nach der Spruchpraxis der Bundesprüfstelle sind dies etwa Medien, in denen Menschen unter Ausklammerung von sozialen Beziehungen zu bloßen Sexualobjekten herabgewürdigt werden. Ebenfalls als unsittlich eingestuft werden befürwortende – als einvernehmlich beschriebene – Schilderungen von Sexualkontakten zwischen Erwachsenen und Kindern, wie sie in den einschlägigen Pädophilenforen oder -zeitschriften zur Rechtfertigung von sexuellem Missbrauch verbreitet werden.

    Auch Schilderungen, die Jugendlichen den Eindruck vermitteln, als sei die Anwendung von Gewalt bei der Ausübung von Sexualpraktiken grundsätzlich – auch ohne Zustimmung des jeweiligen Gegenübers – zulässig, um eigene sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen, sind als unsittlich einzuordnen. Derartige Schilderungen sind geeignet, Gewalttendenzen bei Minderjährigen zu fördern und widersprechen dem Gebot der gegenseitigen Rücksichtnahme und der Achtung der körperlichen Unversehrtheit anderer Menschen.

    Nicht schlechthin jugendgefährdend sind hingegen nach neuerer Spruchpraxis der Bundesprüfstelle Schilderungen einvernehmlicher SM-Handlungen zwischen erwachsenen Personen, die innerhalb eines klar geregelten und abgesprochenen Rahmens stattfinden.

    Hiervon ausgenommen sind jedoch solche Darstellungen, die mit einer besonderen Erniedrigung oder Entwürdigung einer Person einhergehen oder die eine besonders intensive Gewalteinwirkung schildern, da hier die Einwilligung in den Hintergrund rückt.


    Was mich in diesem Kontext besonders interessiert, ist die Erlernung der Empathiefähigkeit bzw. die Aufrechterhaltung der Empathiefähigkeit. Das gilt nicht nur für Jugendliche, sondern auch für Erwachsene. Der Literatur spielt dabei eine wichtige Rolle, manche sagen, in den Zeiten des Internets sogar noch mehr als früher. Das Einfühlen in andere Personen ist halt nicht möglich, wenn man kurz einen clip schaut.

    Literatur sollte dazu beitragen, die Bereitschaft zu sexueller Gewalt zu mindern, nicht sie zu verharmlosen oder zu begünstigen. Hier noch ein paar Fakten:

    - von den angezeigten Vergewaltigungen fallen 6 % auf Männer, 94 % auf Frauen.
    - Jede dritte Frau in Europa hat als Erwachsene körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren.
    - Deutschland liegt im Mittelfeld: 35 Prozent haben hier seit ihrem 15. Lebensjahr mindestens einmal sexuelle oder körperliche Gewalt erlebt, sind also geschlagen, getreten, geohrfeigt, begrapscht, genötigt oder zum Sex gezwungen worden. Eine von zwanzig Frauen wird demnach vergewaltigt, eine von zehn erlebt andere Formen sexueller Gewalt.
    - Eine andere Untersuchung kam zu diesem Ergebnis: Fast jede siebte Frau in Deutschland wird demnach vergewaltigt oder sexuell genötigt.

    ach du Scheiße! Ich hab jetzt beim Nachlesen der Zahlen noch was gefunden. Da geht mir gerade die Galle hoch.

    Die EU hat eine Studie in Auftrag gegeben anlässlich eines Aktionstages "Nein zu Gewalt an Frauen"

    - Jeder vierte Deutsche findet Vergewaltigung ok - manchmal. Demnach sind 27 Prozent der insgesamt 27.818 Befragten der Meinung, dass „Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung“ in manchen Situationen gerechtfertigt ist.

    „Unter bestimmten Umständen“- was soll das genau heißen? Zwölf Prozent etwa finden eine solche Tat demnach okay, wenn die Frau unter Alkohol- oder Drogeneinfluss gestanden hat. Elf Prozent äußerten sich entsprechend, wenn die Frau freiwillig zu jemandem nach Hause mitgegangen ist, wie nach einer Party oder einem Date.

    Jeweils zehn Prozent rechtfertigen sexuelle Misshandlungen, wenn die Frau nicht deutlich genug „Nein“ gesagt hat oder sie sich zu freizügig gekleidet hätte. Auch Flirten (sieben Prozent) oder mehrere Sexualpartner (sieben Prozent) seien okay.

    In der Studie zeigen sich deutliche nationale Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. Während für 55 Prozent der befragten Rumänen sexuelle Gewalt entschuldbar ist, sind es in Schweden nur sechs Prozent. Deutschland liegt mit 27 Prozent im europäischen Mittel, in Österreich ist die Akzeptanz mit 32 Prozent sogar noch höher.


    Alandra, danke für den thread. Ich finde es sehr wichtig, dass verantwortungsvoll mit dem Thema umgegangen wird. Zumal die Ergebnisse dieser Umfrage mich gerade sehr aufgeregt haben. Denn auch ich bin, wie so unfassbar viele Frauen, vergewaltigt worden, und ich befürchte, dass die Dunkelziffer sogar noch höher sein könnte als hier veranschlagt.

    Zum Schluss noch ein schöner link. Die britische Polizei hat ein Video eingestellt, in dem es darum geht, dass niemand ohne Einwilligung einen Tee trinken sollte. Auch nicht, wenn er bewusstlos ist, dann sollte man ihm keinen Tee einflößen, nur weil er vorher einmal eine Einladung zum Tee angenommen hat. usw. ist sehr nett gemacht. Und am Ende kommt dann: und natürlich gilt das auch für Sex.

    Es beginnt mit den Worten: Wenn du Schwierigkeiten mit dem Begriff Einverständnis hast ...

    https://www.youtube.com/watch?v=2ovcQgIN5G4
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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Sikander am Fr 16 Feb 2018 - 12:01

    Liebe Sabine, Figuren-Meinung ist nicht Autoren-Meinung. Ich kenne die betreffende Stelle nicht, kann also nicht einschätzen, wie der Autor es tatsächlich geschrieben hat. Aber es strafrechtlich verfolgen zu lassen, einen Bösewicht böse Dinge tun zu lassen und daran Gefallen zu finden, das geht zu weit. Am besten drückst du dem Buch eine schlechte Bewertung rein und kaufst keine Bücher mehr von ihm.


    Wobei, das erinnert mich an eine Stelle aus "The Black Company". Hierbei geht es um eine Söldnergruppe, angeheuert in einem schrecklichen Krieg zwischen Magiern. Es sind Söldner, keine Helden, und sie machen die Drecksarbeit. Der Autor, Glen Cook, wird dafür gelobt, diese Art von Soldat sehr natürlich zu beschreiben, da er selber lange Zeit beim Militär war. Nun, es kam, wie es kommen musste, die Black Company räucherte ein Nest an Rebellen aus und die Söldner fielen über die Schwachen her. Es war keine genaue Beschreibung der Vergewaltigungen, eher lakonisch, wenige Worte. Was mir aber sofort auffiel: Die Hauptcharaktere nahmen nicht teil. Im Grunde alle Charaktere mit Namen rechtfertigte der Autor damit, dass sie schon älter waren und an so etwas einfach kein Vergnügen mehr fanden. Ich fand diese Erklärung irgendwie an den Haaren herbeigezogen, gleichzeitig kann ich bis heute nicht sagen, ob der Herr Glen Cook da einfach mehr weiß als ich und Veteranen tatsächlich so handeln wüde. Aber mir fiel auch sofort ein, wieso er Croaker und die anderen Altgedienten der Black Company so handeln lassen würde, selbst wenn er wüsste, dass diese Verhaltensweise unrealistisch: Ich und wahrscheinlich die meisten anderen Leser wollen nicht erleben, wie die Charaktere sexuelle Gewalt ausüben. Selbst Folterungen würden sich rechtfertigen lassen, und wie viele Menschenleben so ein Fantasy-Held eigentlich nimmt, darüber denken die meisten bestimmt nicht mehr nach. Aber gegen sexuelle Gewalt, da sträubt sich sogar der Autor, der eine düstere Geschichten mit realistischen Charakteren schreiben will.
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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Alandra Ossenberg am Fr 16 Feb 2018 - 13:01

    @Sabine: Es ist bemerkenswert, dass du so offen darüber sprechen kannst. Mir fehlen da ein Stück weit die Worte, um meine Anteilnahme adäquat auszudrücken. Wohl, weil es kaum adäquate Worte für eine solche Straftat gibt.

    Figuren-Meinung ist nicht Autoren-Meinung.
    Nicht zwangsläufig. Zumindest manchmal womöglich aber schon, bis zu einem gewissen Grade. Bei Projektionen von eigenen Fantasien z.B.
    Der Punkt ist dabei nicht, dass bestimmte Dinge vorkommen. Der böse Charakter ist aber nicht der einzige Charakter im Buch, der Erzähler ist mit ihm auch nicht unbeding identisch (hoffentlich nicht, ehrlich gesagt...), und so muss man den größeren Kontext beachten, wie sexuelle Gewalt dargestellt, gewichtet, gewertet wird.

    Ich habe mich jetzt mal erinnert. Den ersten Fantasyroman habe ich mit vielleicht 12 Jahren gelesen und nicht gewusst, ob das Buch ausschließlich für Erwachsene gedacht war oder auch für Kinder geeignet. Ich war damals von dem Buch begeistert und bin dem Genre ja auch bis heute treu geblieben. Ich erinnere mich jetzt aber auch, dass es da einen wichtigen weiblichen Chara gab, deren Vorgeschichte es war, dass sie in einem Tempel mehrfach von einem Priester vergewaltigt worden ist. Daraus folgte der Subtext: Durch die Vergewaltigung hat die Frau die nötigen Ecken und Kanten sowie die innere Stärke gewonnen, um das folgende Fantasy-Abenteuer zu bestehen. Die Vergewaltigung wird in dem Text schon als etwas Negatives dargestellt, aber eine derartig klischeehafte Charakterentwicklung darauf fußen zu lassen, will mir heute nicht mehr schmecken. Außerdem: Hätte die Frau nicht auf einem anderen Wege die nötige Reife erlangen können? War für diese Entwicklung unbedingt eine Vergewaltigung nötig? Oder hat man da nicht einfach ein wohlfeiles, im Genre gängiges Element ohne großes Nachdenken genommen?


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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Sabine am Fr 16 Feb 2018 - 14:03

    Skiander schrieb:Ich kenne die betreffende Stelle nicht, kann also nicht einschätzen, wie der Autor es tatsächlich geschrieben hat. Aber es strafrechtlich verfolgen zu lassen, einen Bösewicht böse Dinge tun zu lassen und daran Gefallen zu finden, das geht zu weit.

    Die Stelle ist tatsächlich so widerlich (ausführliche Beschreibung, wie sich die Figur, aus deren Sicht die Szene geschrieben ist, sich daran aufgeilt, einen Jungen auszuweiden), dass ich ernsthaft denke, das könnte unter den § 131 Strafgesetzbuch fallen.

    @Alandra
    und so muss man den größeren Kontext beachten, wie sexuelle Gewalt dargestellt, gewichtet, gewertet wird.

    Ja, das ist wichtig.

    Ich finde die Vorgaben für den Jugendschutz nicht schlecht. Warum man diese Rücksicht Erwachsenen gegenüber nicht zeigen sollte, verstehe ich hingegen nicht. Nur der Begriff "unsittlich" ist schon sehr altmodisch und irritierend.

    Nach der Spruchpraxis der Bundesprüfstelle sind dies etwa Medien, in denen Menschen unter Ausklammerung von sozialen Beziehungen zu bloßen Sexualobjekten herabgewürdigt werden. Ebenfalls als unsittlich eingestuft werden befürwortende – als einvernehmlich beschriebene – Schilderungen von Sexualkontakten zwischen Erwachsenen und Kindern, wie sie in den einschlägigen Pädophilenforen oder -zeitschriften zur Rechtfertigung von sexuellem Missbrauch verbreitet werden.

    Auch Schilderungen, die Jugendlichen den Eindruck vermitteln, als sei die Anwendung von Gewalt bei der Ausübung von Sexualpraktiken grundsätzlich – auch ohne Zustimmung des jeweiligen Gegenübers – zulässig, um eigene sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen, sind als unsittlich einzuordnen. Derartige Schilderungen sind geeignet, Gewalttendenzen bei Minderjährigen zu fördern und widersprechen dem Gebot der gegenseitigen Rücksichtnahme und der Achtung der körperlichen Unversehrtheit anderer Menschen.


    Das ist doch eine ganz gute Richtschnur dafür, wie sexuelle Gewalt dargestellt, gewichtet, gewertet werden sollte.


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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Airstrike am Fr 16 Feb 2018 - 14:25

    @Alandra - Ich denke, ich hätte das Buch weggelegt und nicht gelesen. Das klingt recht ekelhaft.
    Zumindest, die meisten Bücher die ich las, hatten keine Vergewaltigungen. Sexszenen ja, aber viele Bücher verlaufen sich dann in einer schwammigen Beschreibung und das Kapitel oder Unterkapitel ist dann zuende. Quasi wie Fight-skippen, nur dass man im Nachhinein als Autor keine Erklärungsarbeit leisten muss.


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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Bdn130671 am Fr 16 Feb 2018 - 15:07

    OK, auch auf die Gefahr hin, dass es mir um die Ohren fliegt - wie würdet ihr in dem Zusammenhang diese Szene beurteilen?

    Text gelöscht.


    Zuletzt von Bdn130671 am Fr 16 Feb 2018 - 19:16 bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet


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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Gotthelf am Fr 16 Feb 2018 - 16:52

    Ich werde noch etwas zum thema beitragen, aber zunaechst zu bdns Text: Grausam. Du hast es geschafft, in jedem zseiten Satz die Perpektive zu wechseln. Eine Frau kann nicht durch einen eine Hand breiten Spalt durch, egal wie sehr sie sich amstrengt. Auch ein Mann nicht. Bitte aag mir, dass du dir diese Szene grad eben ausgedacht hast...

    Edit: Sry fuer rechtschreibfehler, mein Handy mag mich nicht.


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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Alandra Ossenberg am Fr 16 Feb 2018 - 17:38

    @Bdn: Wir haben hier in dem Thread explizit ein Opfer von sexueller Gewalt. Findest du es taktvoll eine solche Szene hier zu bringen und ihr auszusetzen? ICH NICHT.


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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Gotthelf am Fr 16 Feb 2018 - 19:08

    soo, nachdem ich am Pc bin, kann ich auch was längeres schreiben, ohne dass mir die Finger abfallen.

    Zuerst einmal muss ich mich fragen: Warum sexuelle Gewalt? Warum ist ausgerechnet sexuelle Gewalt so ein Thema?
    Auch Folter, Mobbing und Arbeitsstress können traumatisierend sein. Nur, wenn jemand auf brutale Weise ermordet wird, interessiert das keinen, bei Vergewaltigung aber geht das Geschrei los. Ist es schlimmer, vergewaltigt zu werden, als auf bestialische Art umgebracht?

    Nein, es handelt sich um ein Tabuthema, und wehe dem, der heute eine Aphrodite oder einen David malen wollen würde... Alles, was Blut zeigt, ist okay, alles was sexuelle Inhalte hat, verherrlicht diese gleich in den Augen unserer Gesellschaft... Jesus Christ... ehrlich?

    Und nun zu Sabine:
    Ich kann es verstehen, dass man als Opfer eine Vergewaltigung eine recht dezidierte Meinung hat, aber
    ich persönlich würde so manches tatsächlich strafrechtlich verfolgen.
    und
    Durch die Vergewaltigung hat die Frau die nötigen Ecken und Kanten sowie die innere Stärke gewonnen, um das folgende Fantasy-Abenteuer zu bestehen
    (gut, das ist von Alandra)
    ist völliger Schwachsinn.

    Zum ersten:
    Fiktion verherrlicht nicht, Fiktion macht kein Statement, Fiktion bezieht keine Stellung. So wie man Songtexte oder Computerspiele nicht für Amokläufe verantwortlich machen kann, so kann man Gewaltdarstellung generell nicht für Gewalt verantwortlich machen. Jenseits des guten Geschmacks liegt das Geschmacklose, nicht das Strafbare, und da ist ein großer Unterschied dazwischen.
    Zum zweiten:
    Nein, das ist nicht der Subtext, denn die Vergewaltigung war nicht der Grund dieser Entwicklung, genauso wenig wie der Tod eines Angehörigen nicht der Grund dafür ist, dass du die Trauer überwindest. Der Grund ist dein eigener Wille, deine Determination und evtl. Hilfe von außen. Wenn also überhaupt ein Subtext drinsteckt, dann der, dass man selbst aus den tiefsten Abgründen wieder aufsteigen kann und sein Leben in den Griff bekommen kann. Die Vergewaltigung ist keine Ursache.

    Zum Thema Vergewaltigung in der Fiktion habe ich folgendes Zitat gefunden:
    "This is a very touchy topic and if you put it in some fluffy, teenage way, then you're basically slapping anyone who's had to suffer through it across the face with such a poor representation"

    Dem kann ich zustimmen, aber das gilt für jede Art von Gewalt, ob Folter oder Mobbing oder was anderes. Ich sehe wie Alandra keinen Grund, etwas pauschal zu verbieten, aber man muss sich doch fragen, wozu eine Szene dienen soll? Einfach nur als Shocker? Muss das unbedingt sein? Könnte man das auch anders lösen? Manchmal kommt es so rüber wie eine "Quotenvergewaltigung", nach dem Motto: Kein Buch kommt ohne eine aus. Bullshit. Das bedeutet aber nicht, dass sie per se fehl am Platze wären.

    Aber: Ich denke, Literatur darf tun und lassen was sie will, das hat sie immer gemacht, sie spielt mit den Tabus der Gesellschaft und sie möchte Grenzen erkunden und hinterfragen, was unsere Regeln und Tabus denn eigentlich sollen. Wenn wir alles verfolgen, was uns nicht in den Kram passt, dann heißt das Zensur und wir sollten aus der Geschichte gelernt haben, was da passiert. Denn bei einem ersten Schritt bleibt es nie. Und ich finde sexuelle Gewalt, wenn sie recherchiert und glaubwürdig dargestellt ist, gut! Eine der besten Szenen des modernen Films ist die Vergewaltigung in American History X, und zwar gleich aus 2 Gründen: Zum einen ist es genau der Moment, wo Derek kapiert, dass Nazis keine tollen Menschen sind, auf der anderen Seite wird hier mal ein Mann vergewaltigt. Und glaubt es oder glaubt es nicht, Männer sind auch immer wieder Opfer, das vergisst man in einer Zeit, wo Männer für das bloße Hinterherschauen eine Geldstrafe im 4-Stelligen Bereich kassieren können, sehr schnell.

    Was mich zu unserer realen Welt führt. Die Statistiken, die Sabine nennt, sind schon ein trauriges Zeugnis, aber sie wundern mich ehrlich gesagt überhaupt nicht. Auch wenn Vergewaltigung recht eindeutig ist, sexuelle Belästigung ist es nicht. Viele sehen heute keinen Unterschied zwischen einem Kompliment zum Outfit und einer Belästigung. Eine Frau meinte zu diesem Thema: Dann wurde ja jeder schonmal belästigt! In der U-Bahn! Ich kenne jemanden persönlich, die meinte, dass sie es als Anmache empfunden habe, dass sich jemand im Bus neben sie gesetzt hat, als es noch 3 andere freie Plätze gab. Hallo? Wo leben wir denn eigentlich? Wenn ihr so keusch seit, geht doch ins Kloster! (sorry, war nicht so gemeint, ich schreibe mich gerade in Rage)

    Wir haben also auf der einen Seite Fälle von "Belästigung", die keine sind (in Großbritannien und Polen werden so viele Übergriffe auf Frauen gemeldet, die komplett erfunden sind, dass die Polizei mittlerweile Frauen gar nicht mehr glaubt, wenn etwas tatsächlich passiert ist), und auf der anderen Seite eine vermutlich noch immensere Dunkelziffer von Übergriffen auf Männer. Mal ehrlich: Wenn ein Mann zugibt, dass er vergewaltigt wurde, ist er doch der komplette Depp in den Augen der Gesellschaft. Eine der wenigen positiven Aspekte für Frauen wenn es um das traditionelle Weltbild geht, denn von einem Mann wird erwartet, seine Liebsten beschützen zu können. Wenn er also nicht einmal sich selbst beschützen kann, der Typ wird niemals eine Familie gründen können und kann eigentlich ein neues Leben anfangen, irgendwo am Arsch der Welt, wo es noch kein Fernsehen gibt.

    Lange Rede, gar kein Sinn, pauschale Verbote, von egal was, haben noch nie ein Problem gelöst, vor allem dann nicht, wenn sie nicht die Wurzel des Problems attackieren. Sexuelle Gewalt in der Fiktion sollte behandelt werden, wie jede andere. Sie hat nur die Besonderheit, dass sie an fast sämtlichen Stellen völlig unlogisch und unangebracht daherkommt, weshalb ich sparsam damit umgehen würde. Ihr wisst sicherlich, dass ich allein aus Provokation so etwas schreiben könnte. Aber ich tue es nicht. Warum? Weil so eine Szene meinem Plot nicht dienen würde, und es als Gimmick einzubauen wäre wohl ein schlechter Witz.


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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Bdn130671 am Fr 16 Feb 2018 - 19:28

    @Alandra Ossenberg : Sorry, war gedankenlos von mir. Ich habe den Text wieder rausgenommen. Meine Frage war eigentlich, ob so eine Szene angemessen ist, um das Abhängigkeitsverhältnis zwischen der Begine und dem Kaufmann zu verdeutlichen. Wie bringe ich sie dazu für ihn zu spionieren? Mein Gedanke war die beiden in ein D/s-Verhältnis zu setzen, in dem er das Machtgefälle schamlos ausnutzt.

    @Gotthelf : Naja, dert Text wurde heute nicht geschrieben, sondern schlummert schon länger unbearbeitet in der Schublade. Mir ging es jetzt auch nur darum obige Frage zu klären. Wahrscheinlich wird er also in der Versenkung verschwinden.


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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Gotthelf am Fr 16 Feb 2018 - 19:33

    Meine Frage war eigentlich, ob so eine Szene angemessen ist, um das Abhängigkeitsverhältnis zwischen der Begine und dem Kaufmann zu verdeutlichen
    Nein. Wenn du willst, stell sie nochmal in die Schreibwerkstatt, und ich zerpflücke sie dir, oder nimm hier die Kurzversion mit: Deine Szene ist einfach konzeptionell gesehen nicht gut (=schlecht), denn es gibt nur einen einzigen informativen Satz dort: "Jean ist zurückgekehrt". Alles andere ist überflüssig, denn: 1. Sie ist Begine, er ist Kaufmann und dein Setting ist ein historisches Europa. Dreimal dürft ihr alle raten, wie das Machtgefüge sich verhält! 2. Weder er noch sie werden irgendwie nennenswert charakterisiert.

    Joa...


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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Sabine am Fr 16 Feb 2018 - 19:46

    Danke, Alandra, für deine Unterstützung, aber da gibt es ja wahrlich Schlimmeres in der Literatur oder in Filmen.

    Es ist zwar nicht taktvoll, aber dennoch mutig, ausgerechnet in diesem thread eine solche Szene einzustellen. bdn hat ja auch geschrieben, dass er Gefahr läuft ...

    @bdn

    ich markiere jetzt erst mal ein paar Stellen. Generell gehe ich dann später drauf ein.

    Verlegen wischte sie die kleine blonde Haarsträhne, die sich unter ihrer Haube keck hervorgestohlen hatte, aus der Stirn

    verlegen und keck - das suggeriert eine Annäherung ihrerseits, ein Flirten. Empfinde ich als unpassend.

    „Vergiss das nicht!“ sagte er und drückte sanft aber bestimmt ihren Oberkörper über den Schreibtisch.

    sanft aber bestimmt - vielleicht eher langsam aber unerbittlich

    Sie biss sich auf die Unterlippe und seufzte leicht, als er ungestüm von hinten in sie eindrang.

    Als er sich schon seine Hose wieder zuschnürte, lag sie noch keuchend vorn übergebeugt auf dem Tisch.

    leichtes Seufzen, keuchend, das geht auch schnell in den falschen Hals, birgt die Gefahr, dass - wer es so lesen will - meint, es könne ihr gefallen, obwohl sie dazu gezwungen wurde.

    Von ihm abgewandt wischte sie sich eine Träne aus den Augen und antwortete mit tonloser Stimme demütig:

    da würde ich das "demütig" rausnehmen.

    Generell mach ich jetzt mal mein privates Prüfschema der Bewertung von Schilderungen von sexueller Gewalt.

    1. Braucht die Geschichte die Schilderung der Tat? - Das ist zumeist mit Nein zu beantworten. Es ist jedoch schriftstellerisch viel einfacher, eine solche kurze Szene zu schreiben, als eben diese Szene auszublenden und stattdessen eine Szene zu entwerfen, die zeigt, wie es dem Opfer damit ergeht.

    2. Wenn denn geschildert wird, dann stellen sich mir die folgenden Fragen:
    - Ist die Szene so geschrieben, dass - ganz widerlich, wie weiter oben bei Terry Goodkind erwähnt - sich ein bestimmter Leserkreis sich auch noch daran aufgeilt? Dann ganz schnell rausschmeißen.
    - Ist die Szene so geschrieben, dass die sexuelle Gewalt verharmlost wird? Ich glaube, ein wenig trifft das hier zu.
    - Ist die Szene geeignet, Empathie für das Opfer zu entwickeln? Ist hier nicht der Fall. Das Gegenteil aber auch nicht. Auch wenn die Szene hauptsächlich aus der Sicht von Luc geschrieben ist, so gehe - ich zumindest - hier nicht in seine Figur rein.

    Ich finde Vergewaltigungsszenen grundsätzlich sehr problematisch, denn es ist schwierig, so etwas zu schildern und dabei nicht doch in die Grenzbereiche der Verharmlosung, des Kavalierdelikts zu geraten. Mich hat bei einem Buch, Bestseller, sehr gestört, dass zwar die äußerst brutale Vergewaltigung nicht verharmlost wurde, dann aber die Frau wenig später, trotz der derben Verletzungen, sich an den Prota rangemacht hat, als wäre nichts gewesen. Das ist auch eine Form der Verharmlosung.

    Ich kann nicht einmal beurteilen, ob die Szene "realistisch" ist. Die Art, wie es geschrieben ist, lässt mich vermuten, dass diese Übergriffe durch den Herrn Alltag sind. Wäre es die erste Vergewaltigung, würde sie sich wohl wehren. Wenn es Alltag ist, dann würde sie wohl keine Träne vergießen, nicht seufzen und schon gar nicht keuchend auf dem Tisch liegen bleiben. Natürlich will sie da so schnell wie möglich weg. Ich weiß nicht, wie das ist, wenn das alltäglich ist, aber meine Vermutung geht dahin, dass da kein Laut über ihre Lippen kommt, es sei denn, das lässt sich nicht vermeiden, weil die Schmerzen zu stark sind. Und demütig kann ich mir auch nicht vorstellen. So sehr deine Figur vielleicht ihrem Schicksal ergeben ist, irgendwo muss da Wut und Hass sein, und sei er noch so tief vergraben unter Schichten aus Angst.

    Eigentlich finde ich jetzt gut, dass du das eingestellt hast, weil manche Dinge besser anhand eines Beispiels zu erläutern sind. Vor allem steckt der Teufel eben im Detail.



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    Re: Sexuelle Gewalt

    Beitrag von Strato Incendus am Fr 16 Feb 2018 - 20:01

    @Sabine: Vielen Dank für den Überblick über die rechtlichen Grundlagen!

    Die Frage, was gewaltverherrlichend und was einfach nur gewaltdarstellend ist, finde ich daran jedoch am spannendsten. Bei Kriegsfilmen etwa hat man sich daran gewöhnt, dass drastische Gewaltdarstellungen auch bewusst zur Abschreckung verwendet werden können, um eben gerade nicht zu dem gezeigten Verhalten zu animieren, sondern Dinge eben einfach als so grausam darzustellen, wie sie auch tatsächlich sind.

    Aus der Perspektive finde ich eher handelsübliche Actionfilme "gewaltverherlichend", oder aber zumindest gewaltverharmlosend. Da wird einfach jemand über den Haufen geschossen oder mit einer Klinge getötet, ohne dass man Blut sieht - meist auch noch während irgendjemand einen coolen Spruch klopft.

    Bei Terry Goodkind weiß ich nie, ob Darstellungen aus der Sicht des Täters ein heimliches Aufgeilen des Autors am gezeigten darstellen, oder ob er damit nur rechtfertigen will, wenn der Bösewicht später erledigt wird. Er geht also in den Kopf des Bösen rein, um zu zeigen, dass er tatsächlich diese bösen Absichten hat.

    Das ist natürlich immer noch eine plumpe Strategie. Aber Gewaltverherrlichung greift meinem Verständnis nach erst, wenn jemand offen zu Gewalt aufruft oder für bereits geschehen Ereignisse Beifall klatscht. Bloße realistische Darstellung von Gewalt, selbst wenn es tumber Selbstzweck ist, kann sich immer noch auf die Tradition des Brechtschen Theaters zurückziehen und sagen: "Ich zeige nur, wie es ist; ich behaupte nicht, eine Lösung zu haben."

    Ich habe vor einiger Zeit mal den Versuch gewagt, in die "dunkle Seite des Films" zu gucken, also so das Heftigste, was es an "Disturbing Movies" gibt. Da sind natürlich auch viele Exploitation-Filme dabei, die Sex und Gewalt als simple Schockmotive gebrauchen. Doch genau das ist es eben: Schockieren, erschrecken, verängstigen - aber nicht zelebrieren, auffordern oder glorifizieren. Goodkinds Werke sind das Gleiche in Buchform.

    Der gewaltverherrlichende Teil eines Films wie des berüchtigten I Spit On Your Grave ist demnach also nicht die Vergewaltigungsszene - sondern die zweite Hälfte, wenn die Protagonistin sich an ihren Peinigern rächt. Denn dies empfindet man als Zuschauer dann als gerechtfertigt; weil man am Anfang mit dem Opfer mitgelitten hat. (Gerade das funktioniert nämlich bspw. bei "Irreversible" nicht, weil der Film rückwärts erzählt wird.)

    Der Exploitation-Film nutzt also die Empathie des Zuschauers aus, anstatt sie verloren gehen zu lassen. Es sei denn, du empfändest es als bedenklich, dass man die Empathie mit den Tätern verliert. Wink

    Selbst das geschieht jedoch nicht vollständig, manche Filme machen sich die Mühe, zu erklären, wie der Täter so geworden ist, wie er ist. Einige Kritiker verwechseln das nur leider immer wieder damit, dass man durch eine bloße Erklärung und Herleitung einer kriminellen Tat diese dadurch angeblich entschuldigen oder rechtfertigen würde.

    Dann wurde ja jeder schonmal belästigt

    Das ist ja gerade der Sinn hinter Kamagnen wie #MeToo: Die Grenzen dessen, was als Übergriff gesehen wird, so weit aufweichen, dass jede(r) es schreiben kann.
    Auch hier wird Empathie ausgenutzt: Menschen, die #MeToo schreiben, nur weil sie das Gefühl haben, jemand habe ihnen einmal zwei Sekunden lang nachgestarrt, sind neidisch auf die Empathie, die man den Opfern physischer sexueller Übergriffe entgegenbringt - und wollen etwas davon abhaben.

    Bezüglich der Statistiken mache ich mir daher als Psychologe immer Sorgen um die Operationalisierung, d.h. wie wurde gemessen, was gemessen wurde, und wie wurde das Zu-Messende definiert. Die immer wieder gerne zitierte Statistik "one in five college women are sexually assaulted" etwa hat mit einer derart weit gefassten Definition von "assault" gearbeitet, dass dazu z. B. auch "attempted forced kissing" gehörte. Dann kommt der Flüsterposteffekt und jemand macht daraus "eine von fünf Collegestudentinnen wird vergewaltigt", dabei trifft das nur auf einen Teil derer zu, die unter "assault" zusammengefasst wurden.

    In dem Zuge wird dadurch leider vieles gleichgesetzt, was an Ausmaß und Schwere nicht gleich ist. Ich verstehe den Ansatz dahinter - nämlich, dass man davon ausgeht, dass hinter einem Macho-Spruch, einer aufdringlichen Flirtstrategie und einer realen Vergewaltigung auf Seiten der Täter dasselbe "mindset" stünde (Objektifizierung des Opfers), also möchte man sie alle gleichermaßen strafen.

    Damit ist jedoch meiner Ansicht nach weder den Opfern noch den Beschuldigten geholfen. In Wirklichkeit dürfte es für Vergewaltigungen ähnlich viele verschiedene Motive geben wie für Mord. Deshalb müssen sie sich also nicht mit den Motiven von jemandem decken, der einfach nur ein Proll oder Macho ist, aber weiß, wo die Grenzen der Strafbarkeit sind.

    Wenn mir jemand eine reinhaut, ist das ja immer noch eine Aggression, aber deshalb gehe ich noch nicht davon aus, dass derjenige genauso denkt wie ein echter Mörder. Smile

    Wenn man sich in dieser Debatte um Differenzierung zwischen den Schweregraden von Vergehen bemüht, wird von der Gegenseite dann gerne behauptet, man spreche den Opfern ihre gelebte Erfahrung ab. Dabei ist das genaue Gegenteil der Fall: Man will verhindern, dass die Begriffe weiter verwässert und so inflationär gebraucht werden, dass die Aussage "ich wurde sexuell missbraucht" gar keinen (negativen) Wert mehr hat, keinen Schock mehr erzeugt - und damit auch keine Anteilnahme. "Normalisierung" von sexueller Gewalt kann nicht nur durch häufige Darstellung dieser erfolgen, sondern auch durch eine beständige Erweiterung der Definition. Ich finde, dagegen sollte man sich stellen, wenn man möchte, dass realen Opfern Gehör geschenkt wird.

    Was Gotthelf da über Polen beschreibt, ist ein Beispiel, wie man genau durch so etwas ebenfalls der Gesellschaft die Empathie austreibt. Es gäbe wohl nichts Tragischeres, als wenn eines Tages jemand sagt "ich wurde missbraucht", und das Gegenüber erwidert "ja und, wer wurde das nicht?" Rolling Eyes

    In Bezug auf Mobbing etwa habe ich genau diese Reaktion schon beobachtet.

    Und vielleicht ist das auch der Grund - um eine andere hier in den Raum geworfene Frage zu beantworten - warum man mit einer Mobbing-Story heute keinen Leser mehr hinter dem Ofen hervorlockt Wink .


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    Wer sich mit der Realität begnügt, dem muss es an Fantasie mangeln.

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