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    Beitrag von Alandra Ossenberg Sa März 19, 2022 6:39 pm

    Wenn man schreibt, hat man es ja auch eher früher als später mit der Gestaltung von Charakteren zu tun - und damit dann auch mit Psychologie.
    Gegenwärtig lese ich daher ein diesbezügliches Buch, das ich eigentlich jemandem für ganz andere, persönliche Zwecke geschenkt hätte. Vielleicht kennt es ja jemand.
    Stefanie Stahl: Das Kind in dir muss Heimat finden. Es ist als populärwisdenschaftliches Buch gut lesbar und kann einem auch fürs kreative Schreiben helfen, wenn es darum geht, zu beleuchten, warum die eigenen Charaktere so ticken, wie sie es tun.
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    Beitrag von Strato Incendus Sa März 19, 2022 9:16 pm

    Da ich selbst Psychologe bin, schalte ich mich hier gleich mal ein.

    Grundsätzlich bin ich bekanntlich seit letztem Jahr ein Fan von Abbie Emmons’ Schreibtipps auf YouTube, weil sie eben auch die Psychologie des Geschichtenerzählens mit anspricht. Welche Fachkenntnis sie hier selbst hat, ist mir nicht bekannt, doch wenn sie von Spiegelneuronen und “cells that fire together wire together” spricht, erkenne ich das natürlich aus meinem Studium wieder. Fängt sie hingegen vom Myers-Briggs-Persönlichkeitsinventar oder dem Enneagramm an, kann ich ihre Äußerungen nicht allzu ernst nehmen.

    Eine noch bekanntere Stimme, die Geschichten psychologisch analysiert, ist natürlich Jordan Peterson (Emeritus der University of Toronto). Allerdings greift er dabei auch gerne auf Freud und Jung zurück, die jetzt wissenschaftlich nicht gerade am besten belegt sind.

    Immerhin sagt Peterson selbst (zugespitzt): “Intelligence is the only thing psychologists ever found out. That and maybe the Big Five.” Das ist natürlich in seinem Interesse, denn in dem Bereich hat er konkret geforscht.

    Als kognitiver Psychologe würde ich zwar sagen, natürlich gibt es noch viel mehr Effekte, die wir robust immer wieder finden. Allerdings lässt sich die Replikationskrise auch gleichzeitig nicht so einfach wegwischen.

    Für fiktionale Charaktere hingegen dürfte die Persönlichkeit natürlich mit am wichtigsten sein - wichtiger als Grenzen der Multitaskingfähigkeit, oder der bloße Gesamt-IQ.


    Bei der Persönlichkeit bin ich also tatsächlich hingegangen und habe meinen Charakteren “Attributswerte” gegeben wie bei Dungeons and Dragons. Dabei sind 10/11 die Durchschnittswerte (+0), und alle zwei Werte nach oben gibt es eine Abweichung um +1, alle zwei Werte nach unten -1.
    Very Happy
    Die Big Five sind deutlich besser belegt als das Myers-Briggs-Persönlichkeitsinventar. Das HEXACO-Modell, das den Big Five noch den Faktor “Honesty / Humility” hinzufügt, schlägt sich mittlerweile noch etwas besser.
    Also könnt ihr ja mal über die folgenden Eigenschaften eurer Charaktere nachdenken:

    (Ehrlichkeit / Bescheidenheit)
    Emotionale Stabilität / Neurotizismus
    Extraversion / Introversion
    Verträglichkeit
    Gewissenhaftigkeit
    Offenheit für Erfahrungen

    Was Myers-Briggs (MBTI) angeht: Die Website “16 Personalities” basiert auf diesem Test, faktoriert aber zeitgleich auch die Big Five mit ein. Das Resultat nennen sie NERIS Type Explorer.

    Die Betreiber argumentieren, dadurch, dass ihr Test im Gegensatz zum originalen Myers-Briggs kostenlos ist, hätten sie auch deutlich mehr Daten, die sie auswerten könnten, um ihren Test ständig zu verfeinern. Dadurch könnten sie auch mit besseren Gütekriterien (bezüglich Objektivität, Reliabilität und Validität) aufwarten als der ursprüngliche MBTI.

    Es kann also durchaus mal spaßig sein, den 16-Personalities-Test so durchzuklicken, als seiet ihr gerade euer Prota. Very Happy Allein darauf verlassen würde ich mich nicht. Aber als Ergänzung zu den Big Five / Big Six (=HEXACO) der eigenen Charaktere sollte es zumindest nicht schaden.


    Zuletzt von Strato Incendus am Mo März 28, 2022 11:01 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet


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    Beitrag von Necroghoul7 Mo März 28, 2022 7:47 pm

    Strato Incendus schrieb:Es kann also durchaus mal spaßig sein, den 16-Personalities-Test so durchzuklicken, als seid ihr gerade euer Prota. Very Happy

    Zu dieser Thematik habe ich ein paar Fragen:

    - Erstens, inwieweit hilft mir als Autor diese Testung dabei, meine Charaktere realistischer darzustellen? Meist ist es ja umgekehrt, ich habe schon eine Persönlichkeit mit ihren Stärken, Schwächen, Macken usw. im Kopf, die zu meiner Erzählidee passt, und bräuchte eher Tests, ob meine dargestellten Reaktionen auf dargestellte Situationen passend sind. Ich selbst finde beim Lesen oder Gucken Handlungen der Figuren oft total unglaubhaft.

    - Zweitens, soll ich beim Beschreiben von Verhalten und Gedanken ungewöhnlicher Personen hinnehmen, dass viele Leser Motive und Charakter falsch bewerten werden, weil sie sich nur in das Erleben "normal tickender Menschen" reindenken können? Oder das erläutern, auf die Gefahr hin, dass die Geschichte dadurch langweiliger werden könnte?

    - Drittens, soll ich den Klischees/Fehlvorstellungen des Durchschnittslesers zu z. B. Intelligenz, Psychopathie gerecht werden oder so schreiben, wie ich es korrekt finde, was dann oft zu Befremden führt? Beispielsweise kann ein Schizophrener in vielen Situationen die Realität besser einschätzen als ein Normaler, was Leser dann unlogisch fänden, weil er in einer anderen Situation kompletten Schwachsinn von sich gibt. Oder ein Dementer kriegt kaum noch Zusammenhänge mit und äußert dann plötzlich eine tiefe Weisheit. Oder, anderes Beispiel: Derselbe Täter kann für eine Tat komplett schuldfähig und für die zweite komplett schuldunfähig sein. Oder dass man Extra- und Introvertiertheit an der Wortzahl/Tag auseinanderhalten könnte. Ich hoffe, es ist klargeworden, was ich meine.

    - Viertens, inwieweit hindert meine eigene Diagnose mich daran, für normale Leser nachvollziehbare und interessante Geschichten zu schreiben? Ist es besser, gleich nur für die winzige Gruppe zu schreiben, die sich auch ohne Anpassung unterhalten fühlt, oder zu versuchen, diesbezüglich mehr Rücksicht zu nehmen?

    (Ich bin nur interessierter Laie. ;-))

    P.S.: Diese Seite mitsamt Erläuterungen finde ich gut: https://www.16personalities.com/


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    Beitrag von Strato Incendus Mo März 28, 2022 11:01 pm

    @Necroghoul07: Genau von dieser 16-Personalities-Seite sprach ich doch in dem Satz, den du von mir zitiert hast. Wink

    Wenn du selbst dir schon denken kannst, wie dein Charakter sich in einer gegebenen Situation verhalten würde, würde ich immer erstmal dabei bleiben. Die Persönlichkeitsdiagnostik ist eher hilfreich, wenn du mal nicht weißt oder dir unsicher bist, wie ein bestimmter Charakter sich in einer konkreten Situation verhalten würde. Insbesondere, wenn die Persönlichkeit des Charakters stark von deiner eigenen abweicht.

    In meiner Fantasy-Story ist die Elfenmagierin "Architekt" (INTJ), wie ich laut diesem Test auch. Sie läuft generell Gefahr, ein Self-Insert zu sein (allerdings anderes Geschlecht).
    In meiner jetzigen Sci-Fi-Story hingegen ist die Protagonistin "Entrepreneur" (ESTP). Es weichen also drei von vier Buchstaben von meinem eigenen Typen ab. Meist habe ich trotzdem ein gutes Bild vor Augen, wie sie sich in unterschiedlichen Situationen jeweils verhalten würde. Aber falls ich das mal nicht weiß, kann ich mich von diesen Handlungstendenzen gerne inspirieren lassen. Wink

    Necroghoul07 schrieb:bräuchte eher Tests, ob meine dargestellten Reaktionen auf dargestellte Situationen passend sind. Ich selbst finde beim Lesen oder Gucken Handlungen der Figuren oft total unglaubhaft.

    Die Frage sollte nie sein "würde ein Mensch sich so verhalten?", sondern "würde dieser bestimmte Charakter sich so verhalten?" Man kann von einer Statistik nie auf ein konkretes Individuum schließen - und umgekehrt widerlegen anekdotische Einzelbeispiele von Individuen keine Statistik. Wenn es für deinen Charakter glaubhaft ist (konsistent mit seinem vorherigen Verhalten, seinen aktuellen Zielen, Ängsten, im aktuellen Setting / Kontext usw.), dann wird es auch für den Leser glaubhaft sein.

    Necroghoul07 schrieb:Zweitens, soll ich beim Beschreiben von Verhalten und Gedanken ungewöhnlicher Personen hinnehmen, dass viele Leser Motive und Charakter falsch bewerten werden, weil sie sich nur in das Erleben "normal tickender Menschen" reindenken können? Oder das erläutern, auf die Gefahr hin, dass die Geschichte dadurch langweiliger werden könnte?

    Meine Geschichte hat, wie ich in einem anderen Thread erwähnt habe, auch einige solcher "unintuitiver Schlüsse". Ich habe mich dafür entschieden, den Leser dann lieber zu viel an die Hand zu nehmen als zu wenig - und ihn Stück für Stück durch den Gedankengang zu führen. Er muss mir ja am Ende nicht zustimmen, aber er muss zumindest die Logik nachvollziehen können. Selbst wenn ein Plot Twist dann erst einmal aus dem Nichts kommt, muss er zumindest rückblickend nachvollziehbar sein - sodass der Leser sich dann über sich selbst ärgert, dass er das nicht hat kommen sehen. Das wurde sehr schön anhand von Game of Thrones diskutiert, weil die frühen Staffeln diese "rückwirkende Plausibilität" (z.B. der roten Hochzeit) sehr gut hinbekommen haben, die späteren Episoden (z.B. "Die Glocken") nicht.

    In dem von einem Kollegen meines Vaters mir kürzlich empfohlenen Ratgeber "Wie man einen verdammt guten Roman schreibt" wird u.a. behauptet, jede Geschichte versuche im Grunde, eine (und zwar nur eine einzige) Behauptung zu belegen. In einem Sachtext / Aufsatz würdest du ja auch deine Schlussfolgerung Schritt für Schritt begründen, oder? Wink

    Necroghoul07 schrieb:Drittens, soll ich den Klischees/Fehlvorstellungen des Durchschnittslesers zu z. B. Intelligenz, Psychopathie gerecht werden oder so schreiben, wie ich es korrekt finde, was dann oft zu Befremden führt?

    Diese Klischees stammen ja oft aus anderen Geschichten, die der Leser zuvor gelesen oder gesehen hat.
    Vorhin habe ich noch ein Video gesehen von Chris Gore (Film Courage), der die These aufstellte, ein Grund, warum die Schreibleistung in vielen Filmen heute schlechter sei als früher, liege darin, dass viele Autoren nicht mehr aus ihrer eigenen Lebenserfahrung schreiben, sondern "von anderen Filmen abschreiben" bzw. sich zumindest hauptsächlich von anderen Filmen inspirieren lassen, die sie selbst zuvor gesehen haben. So entstehen einerseits bestimmte Tropes, andererseits verbreitet sich dadurch auch Fehlinformation durch bloße Wiederholung (z.B. der durch Dungeons & Dragons in die Welt gesetzte Gedanke, ein "Langschwert" sei ein Einhandschwert).

    Gerade Schizophrenie wird im Film oft falsch dargestellt, nämlich eher so wie eine dissoziative Persönlichkeitsstörung.
    Nehmen wir hier Gollum oder den Grünen Kobold aus Spider-Man als Beispiel: Diese Charaktere werden gezeigt, wie sie mit sich selbst reden. Beim Grünen Kobold gibt es sogar konkret eine Szene, wo Norman Osborn mit seinem Spiegelbild spricht.

    Tatsächlich zeichnet sich Schizophrenie vor allem durch akustische Illusionen aus, also "Stimmen hören".
    Zudem gibt es einen Zusammenhang mit Parkinson: Wenn man einem Schizophrenie-Patienten eine starke Dosis Neuroleptika gibt, kann er Parkinson-Symptome zeigen; und wenn man einem Parkinson-Patienten eine hohe Dosis L-Dopa gibt, kann er schizophrene Symptome zeigen.


    Was Psychopathie angeht: Das wird in Filmen oft verwechselt mit Sadismus (Alltagssadismus stellt die optionale vierte Komponente der Dunklen Triade dar: Narzissmus, Machiavellismus, Psychopathie). Dabei muss ein Psychopath nicht unbedingt Spaß am Quälen anderer haben; es wäre ihm bloß einfach egal. Wenn andere leiden, würde er das in Kauf nehmen, wenn es seinen eigenen Zielen nutzt. Wenn nicht, dann hat er keinen Grund, anderen zu schaden.

    Auch beim Narzissmus gibt es oft Verwirrung, weil es nicht nur die "grandiose" Form gibt, wo man sich selbst als den Tollsten auf der Welt inszeniert - sondern auch die "vulnerable" Form, wo man nicht für seine Leistungen, sondern für seine Wehwehchen im Mittelpunkt stehen will, als sei man die ärmste Person unter der Sonne.


    Ich würde also weder einfach "die Erwartungen des Lesers bestätigen" (insbesondere dann nicht, wenn ich eigentlich eine andere Geschichte erzählen möchte und mich diese Erwartungen bloß dabei einengen), noch würde ich sie "richtigstellen" mit etwas, das bloß meine persönliche Meinung ist. Sondern am besten das Thema recherchieren und die ggf. falschen Vorstellungen des Lesers dann nach bestem Wissen und Gewissen mit einer realistischen Darstellung "richtigstellen". Auch hier gilt natürlich: Es gibt nicht "die eine Art", auf die sich ein Charakter mit einem gegebenen psychischen Problem verhält. Es muss immer noch zu diesem bestimmten Charakter passen.

    Deshalb halte ich nicht viel von diesem modernen "Repräsentationsanspruch": Dahinter steckt die Annahme, wenn man einen Charakter mit PTSD in seiner Geschichte hat (und sein wir mal ehrlich, davon gibt es mittlerweile ja eine Menge), müsse der als Self-Insert für alle realen Menschen mit PTSD fungieren. Das kann ein einzelner Mensch, real oder fiktiv, aber gar nicht leisten - diesem Anspruch kann er nicht gerecht werden.

    Bei Depressionen etwa können sich völlig entgegengesetzte Verhaltensmuster zeigen: Manche Betroffene wollen auf einmal mehr schlafen als früher. Andere können überhaupt nicht mehr schlafen. Übergreifend kann man also nur sagen, dass eines von vielen möglichen Symptomen bei Depressionen "Schlafstörungen" sind, also Abweichungen vom Normalzustand - aber ob "nach oben" oder "nach unten" ist damit nicht festgelegt.

    Bei der Reaktion auf sexuelle Gewalt ist es ähnlich:
    Manche meiden danach jegliche sexuelle Aktivität. Andere werden "sexuell hyperaktiv", suchen also aktiv sexuelle Begegnungen, ggf. mehr, als sie das sonst je getan hätten. Je transparenter man dem Leser durch Schildern der Gefühlswelt dieses konkreten Charakters macht, warum er sich gerade so verhält, desto glaubhafter wird dieses Verhalten auch erscheinen. Dabei besser ein bisschen zu viel Nabelschau als Verwirrung.

    Wie sagte Abbie Emmons so schön in einem ihrer Videos: "A confused mind always says no." Smile


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    Beitrag von Necroghoul7 Di März 29, 2022 9:26 pm

    Entschuldigung, mir war nicht klar, dass du genau diese Seite und nicht diese Art Test allgemein meintest. Viele aus meiner Sicht gute Tests (und das sind eher die „unbestechlichen“, die nicht auf Selbstauskunft beruhen ;-)) sind leider nicht kostenlos. Danke für deine Antwort und die ausführlichen Erläuterungen!

    Ich bin auch INTJ (oder diese Tests sind so zuverlässig wie Coronatests :-D) und versuche durch Mustererkennung Verhalten und Motive von Menschen zu analysieren und vorhersagen, was mir dabei hilft, dementsprechend Figuren zu konstruieren, ohne besonders empathisch sein zu müssen. Trotzdem verstehen meine Leser oft nicht, warum sie so oder so handeln, also muss ich besser im Beschreiben werden.
    Hast du keine Sorge, deine Leser mit Erklärungen zu langweilen? Also die „Twists“ in der Handlung sind für mich weniger ein Problem, eher die Figuren selbst. Eine realistische Darstellung von Krankheitsbildern oder Extremsituationen erscheint manchen Lesern leider aufgrund ihrer Vorurteile unrealistisch, z. B. dass sie meinen, mein Protagonist könne nicht depressiv sein, weil er plötzlich viel Energie aufbringt und vorher lethargisch war. Wenn ich da Erklärungen nachschieben würde, wie du sie in deiner Antwort gibst, wäre das extrem langweilig und würde die Spannung zerstören. Wenn ich Gedanken oder Gefühle meiner Figuren schildere, erscheinen sie oft irritierend – oder tatsächlich verwirrend, wohingegen sie für mich logisch erscheinen.

    Hm, meine Geschichten versuchen keine Behauptungen zu belegen, sie sollen eher zum Selbst-Denken anregen. ;-)

    Den letzten Satz verstehe ich nicht, allerdings kenne ich auch das Video nicht.

    Und ein großes Problem beim Schreiben ist, dass mich als Autor die Ideen für die Handlung und verschiedene Einzelheiten interessieren. Die Menschen selbst sind nur insofern spannend, als sie dem dienen. Und wie interessiert man einen Leser für die Persönlichkeit einer Figur, für die man sich selbst nicht um ihrer selbst willen interessiert und von der man wirklich nur das vor Augen und bedacht hat, was für den Erfolg der „Pointe“ zwingend notwendig ist? Ich habe das Gefühl, manche Autoren kennen ihre Figuren in- und auswendig. Muss das so sein, und falls ja, liegt das daran, dass psychologisch betrachtet die meisten Leute auch eher „menschenzentriert“ als „themenzentriert“ denken (so kommt es mir zumindest vor)?


    @Alandra Ossenberg,
    den Titel habe ich schon gehört, das Buch aber nie gelesen. Aber ich kenne ein paar Bücher über Serienmörder und verschiedene Diagnosen (das letzte über ADHS und Dyskalkulie). Das sollte doch fürs Schreiben von Thrillern, Horror und Dark Fantasy auch hilfreich sein, oder? Und wenn eine Leiche begutachtet wird, schreibe ich "Gerichtsmediziner" und nicht "Pathologe" wie in den klassischen Übersetzungsfehlern ("forensic pathologist").


    Zuletzt von Necroghoul7 am Mi März 30, 2022 7:53 pm bearbeitet; insgesamt 2-mal bearbeitet


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    Beitrag von Necroghoul7 Di März 29, 2022 9:38 pm

    @alle:
    Ich kann übrigens auch ein Buch empfehlen, und zwar eines, das eigentlich als Erziehungsratgeber gedacht war, denn ich habe noch nichts gelesen, was die Entwicklungsstufen vom Säugling bis zum Spätjugendlichen so toll und verständlich erläutert.
    Es ist schon älter und die deutsche Titelübersetzung ist total irreführend und unpassend:
    "Väter sind die besten Mütter"
    Es enthält weder diese Aussage noch richtet es sich nur an Männer (ich bin Mutter und es hat mir extrem geholfen, nachdem mein eigener Vater meinte, ohne das wäre er wohl an meiner Erziehung verzweifelt!).
    Der Inhalt schlägt das ganze moderne Zeug um Längen, auch was die nüchterne, aber durch viele Anekdoten und Beispiele aufgelockerte Darstellung angeht. Vielleicht gibt es mittlerweile neuere Auflagen.

    Also, falls ihr keine Kinder habt oder euch nicht mehr erinnert und über eine Person in einem bestimmten Alter schreiben wollt, kann ich das bedenkenlos empfehlen. Es hilft auch dabei herauszufinden, welche Literatur für welches Alter besonders spannend sein könnte, falls ihr Kinder- oder Jugendbücher schreiben wollt.
    Es bezieht sich vorwiegend auf normale Entwicklungen weitgehend normaler Kinder und Jugendlicher, aber es werden auch häufige alterstypische Problemlagen beschrieben.


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    Beitrag von Strato Incendus Mi März 30, 2022 12:16 am

    Necroghoul07 schrieb:Hast du keine Sorge, deine Leser mit Erklärungen zu langweilen? Also die „Twists“ in der Handlung sind für mich weniger ein Problem, eher die Figuren selbst. Eine realistische Darstellung von Krankheitsbildern oder Extremsituationen erscheint manchen Lesern leider aufgrund ihrer Vorurteile unrealistisch, z. B. dass sie meinen, mein Protagonist könne nicht depressiv sein, weil er plötzlich viel Energie aufbringt und vorher lethargisch war. Wenn ich da Erklärungen nachschieben würde wie du sie in deiner Antwort gibst, wäre das extrem langweilig und würde die Spannung zerstören. Wenn ich Gedanken oder Gefühle meiner Figuren schildere, erscheinen sie oft irritierend – oder tatsächlich verwirrend, wohingegen sie für mich logisch erscheinen.

    Doch, aber ich erkläre lieber erstmal zuviel als zu wenig. Wink
    Gerade im ersten Draft rät auch Emmons dazu: Mach es lieber erstmal "zu offensichtlich" - und sei es nur für einen selbst als Autor. Damit man nachher beim Lesen (mit ein wenig zeitlichem und emotionalem Abstand) selbst noch weiß, was man mit einer gegebenen Szene eigentlich erreichen wollte.

    Mit "a confused mind always says no" meint sie: Wenn der Leser nicht mehr durchblickt, steigt er ganz aus der Geschichte aus. Wenn hingegen mal etwas erklärt wird, was dem Leser schon klar ist, fühlt er sich vielleicht kurz bevormundet, oder denkt die Erzählung zieht sich in die Länge. Aber er wird zumindest nicht komplett aus der Geschichte geworfen.

    Mir ist das z.B. in den späteren Seasons von Orphan Black passiert. Dort habe ich den Ausdruck "random stuff happening" geprägt (den Emmons genau so zufälligerweise auch später in ihren Videos verwendet hat, wenn auch im Zusammenhang mit völlig anderen Stories). Ich konnte bei Orphan Black zu dem Zeitpunkt auch nicht mehr nur erahnen, was als nächstes passieren würde. Das hat die Geschichte aber nicht "spannend, weil unvorhersehbar" gemacht, sondern im Gegenteil, "unengaging": Es hätte ab da einfach alles und nichts passieren können, und dadurch hätte mich das alles gleichermaßen (nicht mehr) überrascht.

    Warum funktioniert ein Jumpscare? Bzw. was ist der Moment davor? Der Gipfel der Spannung, oder? Dabei sieht bzw. spürt man den Jumpscare doch oft förmlich kommen! Gerade deswegen ist es spannend. Der Jumpscare selbst ist dann nur noch die plötzliche Entladung dieser vorher aufgebauten Spannung.

    Bei "Das Leben des Brian" hingegen wird der Protagonist an einer Stelle random durch ein Ufo gerettet, als er von einem Turm fällt. Sieht keiner kommen - ergibt aber auch null Sinn. Smile

    Necroghoul07 schrieb:Den letzten Satz verstehe ich nicht, allerdings kenne ich auch das Video nicht.

    Und ein großes Problem beim Schreiben ist, dass mich als Autor die Ideen für die Handlung und verschiedene Einzelheiten interessieren. Die Menschen selbst sind nur insofern spannend, als sie dem dienen. Und wie interessiert man einen Leser für die Persönlichkeit einer Figur, für die man sich selbst nicht um ihrer selbst willen interessiert und von denen man wirklich nur das vor Augen und bedacht hat, was für den Erfolg der „Pointe“ zwingend notwendig ist? Ich habe das Gefühl, manche Autoren kennen ihre Figuren in- und auswendig. Muss das so sein, und falls ja, liegt das daran, dass psychologisch betrachtet die meisten Leute auch eher „menschenzentriert“ als „themenzentriert“ denken (so kommt es mir zumindest vor)?

    Das ist kein Gegensatz: Das Thema sollte ja direkt mit deinen Charakteren verknüpft sein.


    Ein Grund, warum Abbie Emmons' Videos mich praktisch im Alleingang zum Schreiben meiner aktuellen Sci-Fi-Geschichte inspiriert haben, ist, dass sie vieles von dem bestätigt hat, was ich mir selbst vorher bereits hergeleitet hatte, aber bis dahin nirgendwo bestätigt gesehen hatte, sodass ich mir nicht sicher war, ob ich vielleicht auf dem völlig falschen Dampfer war.

    Unter anderem: Wenn man ein bestimmtes Thema / eine bestimmte Message hat, und gleichzeitig eine interessante Charakterentwicklung durchlaufen lassen möchte, nimmt man sich die Message und stellt sie auf den Kopf: Lässt den Charakter also zu Beginn der Story genau das Gegenteil von dem glauben, was er (und damit der Leser) am Ende lernen soll.

    Aber: Er ist konfliktbeladen, also schon ein bisschen hin- und her gerissen zwischen seinem Irrglauben und der Wahrheit.
    Damit kann man schon am Anfang "anteasern", was für eine Geschichte das einmal werden wird. Manche Plot-Strukturen beinhalten sogar explizit den Punkt "Theme Stated". Meist ist das ein anderer Charakter, der dem Protagonisten schon früh einen verbalen Wink gibt, was er eigentlich tun sollte - aber der Prota ignoriert das, denn "show don't tell" heißt bekanntlich "wer nicht hören will, muss fühlen". In der Heldenreise wäre das meinem Verständnis nach der Punkt "Refusal of the Call". Das ist die Unwilligkeit, etwas an den Gegebenheiten zu verändern.



    Damit "dienen" die Charaktere automatisch dem Thema, ohne bloße Plot Devices zu sein. Wink


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    Beitrag von Susanne Gavenis Do März 31, 2022 6:39 pm

    @necroghoul: Von mir auch noch eine eher kurze, aber hoffentlich für dich trotzdem hilfreiche Info.

    Bei extremen Verhaltensweisen deiner Figuren, die aus einer bestimmten Persönlichkeitsstörung oder einem Trauma herrühren, kannst du das Problem, dass Leser die Handlungen deiner Figur nicht verstehen, oft dadurch entschärfen, indem du diese Figuren in bestimmten Szenen aus der Perspektive einer anderen Figur beschreibst. Diese andere Figur kannst du dann über mögliche Sprünge oder unerwartete Brüche im Verhalten deines Protagonisten reflektieren oder emotional darauf reagieren lassen (z.B. bei dem zuweilen sprunghaften Verhalten des von dir angesprochenen Demenzkranken). Diese andere Figur kann dadurch, dass dein Protagonist sich widersprüchlich verhält, durchaus auch selbst in innere oder äußere Konflikte geraten, die du für deine Geschichte ausnutzen kannst (z.B. ein pflegender Angehöriger von besagtem Demenzkranken oder ein Freund der Familie, der zu Besuch kommt).

    Ein in meinen Augen hervorragendes Beispiel, wie man auch extreme Charaktere in Geschichten gut darstellen kann, ist Dan Wells' "Ich bin kein Serienkiller" sowie die Nachfolgebände. Die Hauptfigur in dem Roman ist ein fünfzehnjähriger Jugendlicher, der an sich äußerst beunruhigende soziopathische Züge feststellt und versucht, dagegen anzukämpfen. Hier dienen vor allem die Gespräche zwischen der Hauptfigur und ihrem Psychotherapeuten im ersten Band dazu, den Leser mit dem psychischen Störungsbild "Soziopathie" vertraut zu machen (ohne dass es belehrend und langweilig wirkt).

    Hinzu kommt in diesem speziellen Fall, dass der Protagonist sein eigenes Verhalten und seine inneren Vorgänge stets sehr genau reflektiert (bzw. in der Lage ist, sie zu reflektieren). Das ist ein Vorteil, über den nicht alle deutlich verhaltensauffälligen Figuren in Geschichten verfügen. Ein paranoid Schizophrener etwa oder ein Demenzkranker im fortgeschrittenen Stadium der Demenz wird in der Regel nicht (bzw. nicht mehr) in der Lage sein, das eigene Verhalten und seine Gefühle zu reflektieren und sein Verhalten an diese Selbstreflektion anzupassen. In solchen Fällen wäre dann die Außenwahrnehmung durch eine andere Figur als der Protagonist umso wichtiger, um dem Leser eine Einschätzung seines Verhaltens zu geben, die ihm der Protagonist aufgrund seiner psychischen Störung oder Krankheit nicht liefern kann.


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