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    Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien?

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    Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien? Empty Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien?

    Beitrag von Strato Incendus am Mi Okt 07, 2020 8:45 pm

    In der heutigen Zeit gilt eine Serie ja oft nur noch dann als realistisch, wenn sie möglichst düster und dreckig ist. Schuld daran ist u.a. wieder einmal Game of Thrones. Allerdings wäre das nicht das erste Mal, dass die Gründe für den anfänglichen Erfolg von Game of Thrones (bis zum rasanten Sturzflug ab Season 7 und der Bruchlandung in Season Cool von anderen Autoren missverstanden wurden. Im Grunde genommen haben die Autoren von Game of Thrones mit Season 7 und 8 ja bewiesen, dass sogar sie selbst die Gründe für ihren Erfolg falsch interpretiert haben:

    Aus "Ah, die Leute lieben Plottwists!" wurden Plottwists um ihrer selbst Willen; aus "Ah, Nacktheit bringt Aufmerksamkeit (welch Überraschung) Razz " wurde ein Quoten-Schniedel im Close-Up-Shot von einem belanglosen Nebencharakter. Aus "Ah, Gewalt und Schockmomente bringen Aufmerksamkeit" wurde unverhältnismäßige Gewaltanwendung, die die Zuschauer aus ihrer Immersion herausgeworfen hat (Versagen der "suspension of disbelief").

    Man braucht jedoch in dem Bestreben, seine Serie "dreckig und düster" erscheinen zu lassen, gar nicht bis zur extremen physischen Gewaltanwendung zu gehen, um die Immersion kaputtzumachen:
    Verbale Gewalt in Form ständiger persönlicher Konflikte zwischen den Hauptpersonen ist da oft schon genug.

    In letzter Zeit sehe ich es immer wieder, dass die Hauptcharaktere untereinander in ständigem Wettbewerb stehen, sich alle Nase lang gegenseitig angiften, und man sich regelmäßig fragt, was außer der Plot Armour (in diesem Fall: die Rüstung, die den Plot selbst schützt! Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien? 3402984712 ) die Charaktere eigentlich zusammenhält. Warum die ständige Eskalation zwischen Figuren, die einem eigentlich sympathisch gemacht werden sollen? Gibt es dafür einen plausiblen Grund innerhalb der Geschichte. Egal - Hauptsache, die Menschen wirken genauso schlecht und verdorben, wie die Welt, die sie umgibt. Denn das ist ja "realistisch". Naja... wie realistisch es ist, dass Menschen, die sich gegenseitig ganz offensichtlich so schlecht ausstehen können, solange zusammenarbeiten, das darf bezweifelt werden.

    Woher kommt dieser moderne misanthropische Blick auf die eigenen Charaktere?
     Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien? 2939384546
    Hier nur mal eine Auswahl von Beispielen, wo mir das in jüngster Zeit aufgefallen ist:

    Bücher, Serien und Filme, die es geschafft haben, mich mit ihrer Misanthropie anzukotzen:

    Bartimäus-Trilogie (Jonathan Stroud)
    Dark Matter
    Glee (erst ab den in den späteren Staffeln)
    House of Cards
    How to Get Away With Murder
    Star Trek: Picard
    Star Wars VIII: The Last Jedi
    Unreal*
    Whiplash
    X-Men: Dark Phoenix



    *Unreal (die Serie mit Shiri Appleby über die Filmcrew einer fiktionalen Datingshow namens "Everlasting", also Trash-TV zum finanziellen Aufwärts- und sozialen Abwärtsvergleich à la "Der Bachelor") ist der einzige Titel auf dieser Liste, den ich ein wenig in Schutz nehmen kann. Denn hier wirkt es zumindest so, als seien das ständige Drama und die Konflikte zwischen den Charakteren absolut gewollt: Im Gegensatz zu den anderen hier genannten versucht die Serie gar nicht, die Hauptfiguren Rachel, Quinn etc. als Identifikationscharaktere aufzubauen.

    Meinen Eltern ging das anders - den ging auch diese Reihe schnell auf die Nerven. Ich hätte sie paradoxerweise eher wegsuchten können, obwohl die Serie oberflächlich all die Makel aufweist wie die anderen hier genannten auch, und das auch noch in Hochpotenz.

    Eben gerade weil es bei Unreal so übertrieben scheint, sehe ich die Serie eher als eine moderne Form des Brecht'schen Theaters: Very Happy Keine Lösung anbieten, bloß das Problem so zeigen, wie es ist. In diesem Fall die Scheinheiligkeit der Medienwelt und die Skrupellosigkeit, die die Macher von Everlasting an den Tag legen, um alles vor die Kamera zu kriegen, was Einschaltquoten bringt.

    Ironischerweise macht Unreal seine Zuschauer dabei zu Mittätern. Denn man guckt diese Serie nicht, weil man mit irgendeinem der Charaktere mitfiebert oder gar mitfühlt: Wann immer jemand die Konsequenzen seiner eigenen Entscheidungen erleidet, denkt man sich eigentlich bloß "tja, selbst schuld". Die Serie ist wie ein Autounfall, bzw. im englischen eher "trainwreck": Man heißt nicht gut, was dort passiert, aber man kann trotzdem einfach nicht wegsehen. Damit taugt die Serie selbst natürlich potentiell ebenso zum billigen sozialen Abwärtsvergleich, als wenn man das innerhalb der Serie produzierte Trash-Format gucken würde. Würde das Potential der Serie allerdings damit enden, bliebe sie genau das: Trash. Aber es hat ja einen Grund, warum die realen Zuschauer eben nicht "Everlasting" gucken, sondern die "Meta"-Geschichte unter dem Titel Unreal: Weil sie sich eben über den Trash-Faktor hinaus auch noch zur psychologischen, medialen und politischen Analyse eignet. Und damit eigentlich bloß das "Assi-TV"-Format als Vehikel nutzt, um etwas viel Komplexeres darzustellen.

    TL;DR: Unreal kann man mit einem anderen Fokus gucken: Man konzentriert sich nicht auf die Charaktere, sondern auf das Geschehen als Ganzes.
    In dieser Hinsicht hat die Serie tatsächlich etwas mit einem meiner Allzeit-Lieblingsfilme gemeinsam, nämlich Inception: Da gehen einem die Charaktere auch weitgehend am A**** vorbei, es ist die Geschichte selbst, die fasziniert. Aber bei Inception giften sich die Charaktere natürlich nicht die ganze Zeit gegenseitig an. Um letzteres kommt man bei Unreal nicht herum. Fest steht nur: Unreal ist die einzige Serie auf dieser Liste, wo die ständigen Konflikte zwischen den Charakteren einem für mich klar erkennbaren Zweck dienen. Wohingegen dieses Drama in all den anderen genannten Werken vollkommen überflüssig scheint.

    Heißt das nun, dass die Welt nicht mehr "düster und dreckig" sein darf? Müssen wir zurück zu den "naiveren" und optimistischeren Geschichten der 1990er und frühen 2000er, die sich immer noch großer, treuer Fanscharen erfreuen - seien es nun die Utopien von Star Trek: The Next Generation und Deep Space Nine, der kindliche Eskapismus von Harry Potter oder die "klassische" Fantasysage mit einem überwiegenden Anteil "nobler" Helden wie im Herrn der Ringe - auch, wenn unser moderner, vom grimmigen, düsteren und dreckigen "Realismus" geprägter Verstand uns dabei im Hinterkopf sagt, diese optimistischen Geschichten seien zu simpel?

    Nein, das kann auch nicht die Lösung sein. Denn eine chronisch gutgelaunte Lieutenant Commander Dax, die auch in wirklich düsteren und lebensbedrohlichen Situationen noch lächelnd ihre Witzchen macht (und zwar nicht mit dem Han-Solo-Galgenhumor "Ich denke, wir werden alle bald sehr viel dünner sein..."), kann die Immersion genauso zerstören. Dann fiebert man aus einem anderen Grund nicht mit den Charakteren mit: Nicht, weil man sich vor lauter Streit nicht mit ihnen identifizieren möchte - bei Star Trek kommen die Hauptcharaktere ja im Großen und Ganzen gut miteinander klar, was die Serien viel leichter verdaulich macht. Sondern, weil man das Gefühl hat, dass nur selten wirklich etwas auf dem Spiel steht.

    Die perfekte Balance schaffen für mich Serien, deren Setting und Welt zwar "realistisch" und "düster" sind, wo die Charaktere aber weiterhin "gut" bleiben - trotz all der widrigen Umstände. In solch einer Welt menschlich zu bleiben ist schließlich deutlich schwieriger als in einem utopischen Setting wie Star Trek. Also bewundert man diese Charaktere automatisch noch mehr.

    Bücher, Serien und Filme, die die Balance "düstere Welt, sympathische Charaktere" mMn gut hinbekommen:

    The 100
    The Boys
    Haus des Geldes
    Suits

    The 100 bewegt sich von einem apokalyptischen Setting ins nächste. Die Hauptcharaktere müssen ständig unbequeme ethische Entscheidungen treffen. "Unbequem" heißt hierbei häufig, aus einer Gruppe eigener Leute auszuwählen, wer weiterleben darf und wer sterben muss, damit der Rest der Menschheit überlebt. Es vor dem Hintergrund dieser Taten zu schaffen, dass einem die Hauptfiguren trotzdem über all die Seasons hinweg sympathisch bleiben, ist eine große Kunst. Very Happy
    Spoiler bis Season 6:
    Die einzige, die sich für mich in Summe nach wie vor ins Aus geschossen hat, ist Octavia. Bei all dem Mist, den sie verbockt hat, wäre sie in Game of Thrones schon dreimal von den Konsequenzen ihrer eigenen Handlungen eingeholt und getötet worden. Sie hat die langsame Entwicklung zur Tyrannin durchgemacht, die man bei einer gewissen Königin aus Game of Thrones hätte zeigen müssen. Die 6. Season hat dann Ansätze gemacht, ihr einen Redemption Arc zu verpassen - der wurde jedoch bisher für mich nicht befriedigend zu Ende geführt.



    The Boys wäre bloß simples "Coole-Sprüche-Popcorn-Kino", wenn die Superhelden alle die egoistischen, durchkommerzialisierten Markenprodukte blieben, als die sie eingeführt werden. Dann würde man einfach nur mit Billy Butcher und seinen Jungs mitfiebern, wie sie die vermeintlichen Good Guys, die in Wahrheit die Bösen sind, abmurksen und dabei Sprüche klopfen. Und man würde über die ganzen satirischen Anspielungen lachen.
    Die Serie erreicht ihr wahres Niveau erst dadurch, dass man auch mit den Antagonisten, die ja gleichzeitig auf seltsame Weise Protagonisten sind, mitfühlen kann - weil eben selbst unter den Seven die meisten immer noch ein Gewissen haben. Ob Queen Maeve, A-Train oder selbst Homelander: Bei allen sieht man immer wieder Anzeichen, die einen Hoffnung schöpfen lassen, dass sie sich irgendwann gegen Vought wenden werden. Die eigentlichen Bösewichte sind nicht die Seven, sondern der Multimilliarden-Konzern im Hintergrund, der sie managed. Und die Superhelden sind gleichzeitig Täter und Opfer in diesem Spiel.

    Im Mix dieser "ambiguen" Charaktere wirkt das blonde Engelchen Starlight fast schon Fehl am Platz - mehr wie eine Wunschvorstellung der Autoren, die diese Wandlung vom Seven-Mitglied zur Vought-Gegnerin viel zu schnell durchläuft. Sie ist zwar keine Mary Sue - dafür ist sie nicht mächtig genug und auch oft zu passiv - aber sie macht einen Rückbezug auf die Vorläuferin der Mary Sue: Iphigenie auf Tauris. Zwar passiver, nicht so mächtig wie Sue, aber immer noch unrealistisch perfekt.
    Umso wichtiger ist es also umgekehrt wiederum, die anderen Superhelden der Seven menschlicher Erscheinen zu lassen - und umgekehrt Butcher & Co. auch ab und an unverhältnismäßig grausam - damit keine Schwarz-Weiß-Malerei entsteht zwischen der "guten" Seite (=der, auf der Starlight steht) und der "bösen" (=der anderen), auf der alle egomanische Monster sind: Man kann sich einige der Seven vorstellen, wie sie auf die Seite der "Rebellen" wechseln, aber umgekehrt ist Starlight von ihrem Design her ein Charakter, den man sich nur schwer als Antagonistin vorstellen kann.

    Die Boys untereinander sind in ihrem Umgang zwar auch nicht gerade zimperlich (wir zählen mittlerweile, wie oft Billy Butcher innerhalb einer Folge "F*tze" sagt, und oft ist damit einer seiner Kollegen gemeint). Allerdings variiert das meist zwischen freundschaftlichen Beleidigungen und "tough love". Also, wenn Butcher z.B. Hughie auf eine seiner Schwächen hinweist, damit er sie langfristig überwinden kann. Dann ist er kurzfristig vielleicht gemein oder sogar grausam zu ihm, aber langfristig hilft er ihm damit. Man zweifelt selten daran, dass Butcher eigentlich nur das Beste für Hughie will - und in der aktuellen Season fängt man auch langsam an, zu verstehen, warum.


    Haus des Geldes - tja, wie bekommt man die Zuschauer dazu, mit einer Gruppe von Bankräubern mitzufiebern? Und gleichzeitig mit den Polizisten, die versuchen, sie aufzuhalten? Indem man alle beteiligten Identifikationscharaktere stets ihr bestes tun lässt, um Tote zu vermeiden. Obwohl das Setting ein düsteres, weil kriminelles ist, lässt sie einen trotzdem gleichzeitig an das Gute im Menschen glauben - ähnlich wie bei The 100: Je schlimmer die Umstände, desto mehr Respekt hat man für die Charaktere, die es trotz dieser Umstände schaffen, ihr Gewissen zu behalten.
    Ich war dieser Serie gegenüber lange skeptisch, weil ich allein beim Hören der Prämisse, dass es um einen Banküberfall geht, an einen typischen Ami-Film mit viel Sprücheklopfen und viel Geballer gedacht habe. Da wusste ich zwar schon, dass die Serie spanisch ist - ich wusste aber auch, dass Netflix daran beteiligt war (de facto waren sie das erst ab Season 3, und das merkt man auch - nicht nur positiv). Also US-Einfluss. Und auch ohne amerikanische Produktionsbeteiligung sind viele Filmemacher in Europa ja trotzdem einfach dadurch "geprimed", dass der überwältigende Großteil der Filme, die man hierzulande konsumiert, immer noch aus Hollywood kommt. Man ist einfach diese Erzählstruktur und dieses Pacing gewohnt.


    Suits dreht sich um eine Kanzlei voller Top-Anwälte in New York, man geht also damit erstmal per default davon aus, dass alle Hauptcharaktere extrem materialistisch, anstrengend selbstbewusst und in ständigem Wettbewerb untereinander stehen. Diese Serie tappt von den drei hier genannten noch am ehesten ab und an in ähnliche Gefilde wie die Diven aus den späten Glee-Staffeln oder die skrupellosen Showrunner aus Unreal. Aber Suits rettet sich durch jene Momente, wo die Charaktere dann eben doch menschliche Züge zeigen. So wie man auch bei den Soziopathen und Misanthropen Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) und Dr. House die rar gesäten menschlichen Momente dann in der Folge umso mehr zu schätzen weiß.

    Und analog zu Starlight bei The Boys sind diese menschelnden Momente beim ewigen Gutmenschen Mike Ross sogar noch am wenigsten interessant. Viel interessanter ist es, wann immer dieser Idealist Mike es schafft, den selbstbezogeneren Harvey zu sozialem Verhalten zu bringen, oder wann immer der notorisch hinterhältige Louis Litt über seinen Schatten springt und das ehrliche Gespräch mit seinen Kollegen sucht, anstatt hinter ihrem Rücken zu intrigieren.

    Selbst Meghan Markle, die ich im realen Leben stets als Bilderbuch-Narzisstin wahrnehme und der ich dementsprechend zu Beginn der Serie ebenfalls äußerst skeptisch gegenüberstand, schafft es während der Dauer, die so eine Folge läuft, dass ich ihr die Rolle der Rachel Zane abnehme - inklusive mancher guter Qualitäten, die ich der Schauspielerin dahinter nicht unbedingt zuschreiben würde. Daran erkennt man dann schließlich auch eine gute Schauspielleistung. Bei Glee hingegen habe ich das Gefühl, dass die meisten Darsteller einfach nur sich selbst spielen. Und dass z.B. die dortige Rachel (immer diese Rachels Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien? 3402984712 ...) sich in der Serie genau so gibt, wie sie auch im wahren Leben ist. Immerhin beschränkt sich das am Anfang der Serie auf sie, doch mit der Zeit färbt das Divengehabe auf alle anderen Charaktere bei Glee ab, sodass sie einem nur noch auf die Nerven gehen. Denn wenn all diese Riesen-Egos aufeinanderprallen, gibt es natürlich unweigerlich jede Menge unnötiges Drama und jede Menge Streit zwischen den Hauptfiguren über für Außenstehende völlig triviale Dinge.

    Was dagegen Streit zwischen den Hauptcharakteren bei Suits angeht, so hat man bei den Hauptfiguren Mike, Harvey, Rachel und Donna in der Tat das Gefühl, dass sie hauptsächlich deshalb miteinander streiten, weil sie einander wichtig sind - an einer Stelle spricht Rachel das sogar explizit genau so aus, als sie ihre Beziehung zu Mike beschreibt. Ähnlich also wie bei Butcher und Hughie: Kurzfristig Streit in Kauf nehmen, um langfristig den Schaden an nahestehenden Personen geringer zu halten, als wenn man das Thema umgehen würde.


    Ich habe natürlich ein paar eigene Theorien darüber, woher diese misanthropische Weltsicht von Autoren auf ihre Charaktere kommen könnte, die eine exzellente Methode darstellt, dem Zuschauer oder Leser diese Charaktere im Handumdrehen zu verleiden.

    Aber bevor ich die ausführe, möchte ich natürlich erstmal wissen, ob ihr diesen Trend genauso wahrnehmt wie ich. Wink


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    Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien? Empty Re: Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien?

    Beitrag von Paloma am Mi Okt 07, 2020 9:34 pm

    Hey Strato,
    gute Frage. Mir geht das schon eine Weile ganz gehörig auf die Nerven. GOT... puh, ja, was soll ich da groß schreiben? Facepalm Gefühl?
    Die Serien, die du positiv bewertest, kenne ich alle nicht.
    Dieses Schwanken zwischen Selbstmitleid und möchtegern Heldentum in den modernen Filmen (und auch Büchern) ist für mich kaum zu ertragen und nach den ersten zwei Folgen von Picard war für mich Schluss. Ich hatte die alte Serie mit Picard wirklich gerne gehabt und wollte mir nicht mitansehen wie all die Werte, für die die Serie damals stand, das Klo runtergespült werden.
    Supernatural war in den ersten Staffeln absolut mein Ding. Action, gute Dialoge und interessante Charaktere die sich selbst nicht so ernst nehmen - wie toll war das denn? Es ging ja schon länger bergab, aber Staffel 12 war so ein richtiger Tiefschlag, seit dem kommt bei mir kein Gefühl mehr für die Serie auf.
    Ich frage mich, wie es wohl für die Autoren ist, wenn ihre Werke so verdreht und lieblos von anderen weitergeführt werden. Das wiegt Geld sicher nicht auf.
    Auch bei Ash vs Evil Dead waren die ersten zwei Staffeln einfach super, (Die "ich bin im Arsch"-Szene bringt mich immer noch zum Lachen) aber danach musste es ja unbedingt ernst werden.
    Ja, ich denke das Wort Ernst trifft es genau. Wir alle nehmen uns und unsere Probleme viel zu ernst und das schlägt sich auch in den modernen Werken wieder. Dazu kommt, dass viele der modernen Schreiber (welcher Art auch immer) nur dann eine Möglichkeit zur Veröffentlichung bekommen, wenn sie sich an Vorgaben der Verleger oder Produzenten halten. Und die wollen eben oberflächlichen Mainstreamkram, weil der sich so gut verkaufen lässt - im Gegensatz zu langweiliger Tiefgründigkeit, die möglicherweise auch noch aus Lebenserfahrung entspringt, die das Verstehen des durchschnittlichen Kinogängers übersteigen könnte.

    Dolly Parton ist inzwischen über 70 und sie singt:
    Well we rant and we rave about the "good ol' days"
    And how different it was "back then"
    Well the greatest days we've ever known are the days we're living in
    Well we worry about earthquakes, aliens from outer space, nuclear holocaust
    Well we're so consumed with the fear of dying; the joy of living is lost

    und sie hat recht. Viele von uns sind so überschwemmt mit Angst und was-wäre-wenn, dass die Lebenslust versiegt.
    Wir müssen, müssen, müssen. Ansonsten... ja, ansonsten was?
    Wenn man vom Schreiben leben will, hat man es heute sicher nicht leicht. Jedenfalls nicht, wenn man seine eigenen Werke möglichst unbeeinflusst veröffentlichen möchte.

    Ich freue mich über jede Veröffentlichung - sei es nun Film oder Buch - die es schafft tiefgründig und ohne Selbstmitleidsdrama die Gefühle der Hauptpersonen zu beleuchten.
    Den modernen Mist, der einem momentan überall um die Ohren fliegt sehe ich mir gar nicht erst an. Es bleibt mir doch nur ein ärgerliches Gefühl zurück, wieder Zeit meines Lebens mit oberflächlicher Belanglosigkeit verschwendet zu haben.
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    Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien? Empty Re: Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien?

    Beitrag von elTrixi am Do Okt 08, 2020 10:18 am

    Ich muss die Diskussion schon frühzeitig unterbrechen, weil ich finde, dass wir uns zuerst auf eine Definition einigen müssen. Du bringst GoT ins Spiel und nennst es "düster und dreckig". Später heißt es "realistisch". Am Ende wechselst du in deiner Teminologie zu "misanthrop".

    Ich finde ganz und gar nicht, dass diese Begriffe in dieselbe Schublade passen. Misanthrop ungleich realistisch ungleich düster und dreckig. Übrigens hat man schon in alexandrinischer Zeit in der Antike zwischen "idealisierenden" und "realistisch-komischen" Romanen unterschieden. Im idealisierenden Roman sind die Figuren stereotype Helden, lassen sich nicht einschüchtern, haben eine Bestimmung, sind körperlich und geistig total fit und handeln moralisch immer richtig, selbst wenn es mit ihrem eigenen Untergang verbunden ist. Im realistisch-komischen Roman sind Elemente aus der Komödie enthalten, die Menschen aus dem Alltag skizzieren. Die gehen kacken, die betrügen auf dem Markt, sie klauen und sind untreu. Zu keinem Zeitpunkt sind sie aber "misanthrop" oder "düster und dreckig". Es gibt dreckige Figuren, es gibt angsteinflößende Figuren, vielleicht sogar misanthrope (wobei mir jetzt spontan keine einfällt), aber sie sind BEWUSST immer Figuren mit Schwächen, eben keine Idealtypen.
    Ich finde, wir sollten die Frage nicht stellen "Hat GoT die Serien- und Bücherlandschaft kaputt gemacht?", sondern eher "Warum gefallen uns realistisch-komische Figuren heutzutage besser?" und meinen damit eigentlich "Warum lieben wir Figuren, die Fehler haben?". Dabei geht es nicht um Misanthropie, sondern darum, dass wir im 21. Jhd aufgeklärte Wesen sind, die schon früh verinnerlicht haben, dass sie Verantwortung für ihr Leben übernehmen müssen. Jeder muss mit seinem/ihrem persönlichen Leben und seinen/ihren persönlichen Herausforderungen ringen, unabhängig von den Voraussetzungen, die uns unsere Geburt mitgegeben hat. Keiner ist perfekt. Keine Person, keine Welt, keine Situation und keine fiktionale Figur. Falls doch, dann stimmt da etwas nicht... Ideale sind nämlich nicht real. (Darauf bist du aber dankenswerterweise eingegangen, als du die Serien besprochen hast, die dir gut gefallen haben)


    _______________________________________________________________________________________________________________________
    Das Glück besteht nicht darin, daß du tun kannst, was du willst, sondern darin, daß du immer willst, was du tust.
    Leo N. Tolstoi (1828-1910), russ. Schriftsteller


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    Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien? Empty Re: Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien?

    Beitrag von Necroghoul7 am Do Okt 08, 2020 4:51 pm

    Hier meine Beobachtungen als Vergleich und dazu (spontane, unausgereifte!) Ideen, warum das jeweils so sein könnte:

    - misanthrop: Das würde ich nicht sagen, im Gegenteil, man spürt überall krampfhafte "pc"-Bemühungen (zugegeben subtiler als z.B. in der DDR). Dafür ist der "Plot" oft negativer. Das wiederum greift wohl die Zukunftsängste und Befürchtungen der Menschen auf, dass die Serien oft in einer Welt voller Bedrohungen, Unwägbarkeiten spielen.

    - Erotikszenen haben zwar zugenommen, aber Genitalien sieht man in den letzten Jahren eher wieder weniger als früher --- Ist für mich Hinweis auf eine Übersexualisierung bei gleichzeitiger Verklemmtheit, d.h. es werden ständig Anspielungen gemacht, auch an unpassenden Stellen - Aber trotzdem ist da ein verkrampfter Umgang mit Körperlichkeit/Sexualität. Vielleicht haben die Filmemacher Angst, was falsch zu machen, Publikum zu verprellen und halten sich deshalb an mainstream-Vorgaben?

    - Die Figuren sind mir zumindest häufiger unsympathischer, auch die "Guten", oft in sich unglaubwürdig --- Das könnte daran liegen, dass Menschentypen geprägt werden sollen, die heutzutage gefragter sind und auf mich heuchlerischer wirken (völlig subjektiv).
    Dazu passend:
    - (Möchtegern-)Cool, gab es früher auch, aber jetzt "muss" das scheinbar jede Figur sein --- Passt dazu, dass in der Gesellschaft Coolness wichtiger geworden ist als Charakter.

    - schnelllebiger, ständig Action, man kommt kaum zum Verdauen, stimmungsvolle Szenen bestehen meist aus Großaufnahmen von Gesichtern --- ja, ich weiß, ich bin alt, aber die Zeit wird immer schnelllebiger, insofern passt es. In Büchern sieht man das aber auch.

    - Ich beobachte nicht mehr Gewalt an sich, aber schon ab jüngeren FSK-Freigaben (siehe meine Shannara-Warnung) und expliziter und vor allem als Normalität. Teilweise sieht man Verletzungen ohne "guten Grund", also weder als Schockeffekt wie im Horrorfilm noch als Beitrag zur Handlung, sondern so nebensächlich und damit unnötig --- Vermutlich wollen die Zuschauer explizit Gewalt sehen, weil sie im realen Leben verpönt ist? Als Ventil sozusagen? Oder sie sind so überstimuliert/übersättigt, dass sie Gewalt angucken müssen, damit es sie aus ihrer Lethargie reißt und ihre Aufmerksamkeit erregt? Mir ist aufgefallen, dass sich die Zunahme expliziter Darstellungen (oft in Großaufnahme) vor allem auf klassische Kampfszenen (mit oder ohne Waffen) bezieht.

    - Es geht allgemein mehr um die Charaktere und Konflikte der Figuren und etwas weniger um den Inhalt/das Thema --- Vielleicht, weil sich die Zuschauer selbst und ihre Sorgen auch wichtiger nehmen und analysieren?

    - "Düster" --- Kommt sehr auf das Genre bzw. die Serie an, was meinst du genau? Im Kinderbereich bemerke ich eher das Gegenteil, viel verkitscht und teilweise nur noch Verblödung ohne Thematisierung realistischer Lebenswelten.

    - "Dreckig" --- Mir ist nur aufgefallen, dass die Beziehungen der Personen untereinander komplizierter geworden sind. Aas kann aber auch daran liegen, dass ich sozial weniger kompetent bin und es mir deshalb so schwierig vorkommt. In früheren Serien und Filmen gab es weniger Nebenschauplätze, vor allem menschlich, da war ein klarer roter Faden erkennbar und die Figuren weniger ... "schillernd".

    - "Gegenseitiges Angiften" : Ja, das sehe ich auch so, das verstärkt sich immer mehr. Die Figuren wirken alle wenig vertrauenswürdig, sehr flatterhaft und sind "Arschlöcher". Dafür haben sie wohl ein dickes Fell, wenn sie trotzdem zusammenarbeiten.
    --- Jetzt muss ich mal negativ sein und vermuten, dass es wirklich daran liegt, dass solche Eigenschaften in modernen westlichen Gesellschaften Leute voranbringen und deshalb auch propagiert werden. Verlässlichkeit, Fairness, Ehrlichkeit und andere alte Tugenden sind aktuell antiquiert.
    Wenn eine Serie aber darauf angelegt ist, gesellschaftliche Missstände anzuprangern, finde ich so ein Vorgehen angemessen und dann muss das auch so "dreckig und düster" sein (wie z.B. in The Boys, was wir aktuell gucken).

    Manches wiederum finde ich in den Serien unrealistisch und überzogen dargestellt, z.B. stört mich der ständige Vertrauensmissbrauch selbst durch "gute" Charaktere. Früher war es wenigstens nur der böse Boss, der selbst seinen treuesten Untergebenen jederzeit von hinten ein Ende bereiten konnte, heutzutage muss jeder damit rechnen. Ich glaube, dass dieser Aspekt in der realen Welt nicht so schlimm ist, weil die Leute oft doch klug genug sind zu wissen, dass langfristiges Voneinander-profitieren/Einander-vertrauen mehr wert ist als kurzfristiges Ausnutzen/Betrügen.

    The 100 hätte ich übrigens gern weitergeschaut, war aber wohl zu gut für "Prime".

    @Paloma
    Das mit dem Selbstmitleid stimmt, hätte ich ohne deinen Hinweis gar nicht bemerkt!
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    Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien? Empty Re: Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien?

    Beitrag von Crackle42 am Do Okt 08, 2020 5:19 pm

    @Strato Incendus schrieb:
    Bücher, Serien und Filme, die es geschafft haben, mich mit ihrer Misanthropie anzukotzen:

    Bartimäus-Trilogie (Jonathan Stroud)
    Ich bin nach langer Arbeit zu kaputt, um eine ausführliche Antwort zu geben, aber die Frage, warum Bartimäus mit Misantrophie in Verbindung gebracht und sogar als abwertend beurteilt wird, lässt bei mir Verwirrung zurück Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien? 3130983824


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    Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien? Empty Re: Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien?

    Beitrag von Strato Incendus am Fr Okt 09, 2020 1:10 pm

    Vielen Dank erstmal für eure Antworten! Smile

    @Crackle42: Bartimäus war die erste Geschichte, die ich gelesen habe (noch als Kind damals), bei der ich den Eindruck hatte, alle Charaktere sein A-Löcher. Ich habe meinen Eindruck damals meinem Vater geschildert, er hat dann auch einiges davon gelesen (weiß nicht mehr, ob er es durch alle drei Bücher geschafft hat). Jedenfalls hat er mir meinen Eindruck bestätigt, auch aus seiner "Erwachsenen-Sicht".

    Bartimäus selbst ist eher bloß hinterlistig, aber durch seinen Humor (den er so gerne in Fußnoten ausdrückt) wird er einem sympathisch (das Buchcover mit seinem Grinsen darauf trägt aber auch viel dazu bei).

    Die menschlichen Charaktere kann man aber größtenteils knicken, inklusive des menschlichen Hauptcharakter Nathanael / John Mandrake. Ich habe die Handlung nicht mehr genau im Kopf, aber ich erinnere mich, dass meine Wahrnehmung der ganzen Zauberer aus heutiger Sicht am ehesten beschrieben werden kann als "House of Cards mit Magiern" (House of Cards kannte ich damals natürlich noch nicht - sonst wäre ich vielleicht schon etwas mehr gewöhnt gewesen Wink ).

    Die einzige sympathische menschliche Hauptfigur ist Kitty.

    Bartimäus (alle drei Teile):
    Mandrake kriegt seine "Redemption" zwar, aber erst ganz am Ende - und stirbt direkt darauf. Aus der angedeuteten Romanze mit Kitty wird dementsprechend auch nichts.

    @Necroghoul7 schrieb:Manches wiederum finde ich in den Serien unrealistisch und überzogen dargestellt, z.B. stört mich der ständige Vertrauensmissbrauch selbst durch "gute" Charaktere. Früher war es wenigstens nur der böse Boss, der selbst seinen treuesten Untergebenen jederzeit von hinten ein Ende bereiten konnte, heutzutage muss jeder damit rechnen. Ich glaube, dass dieser Aspekt in der realen Welt nicht so schlimm ist, weil die Leute oft doch klug genug sind zu wissen, dass langfristiges Voneinander-profitieren/Einander-vertrauen mehr wert ist als kurzfristiges Ausnutzen/Betrügen.

    Sehr gut beobachtet! Wink Das ist ja dann sogar noch ein ganzes Stück schlimmer als das gegenseitige Angiften.

    Nochmal ein Beispiel aus The 100:

    The 100 (Season 2 und 3):
    Lexa fällt Clarke wiederholt in den Rücken: Sie ist u.a. der Grund, warum Clarke ihre eigenen Leute nicht vor einem Raketenangriff warnt. Dann schließt Clarke mit Lexa einen Pakt, um in Mount Weather einfallen zu können, denn darin sitzen ja auch gefangene Grounder / Treekru-Leute. Lexa stimmt dem Deal zu, schafft es dann jedoch irgendwie, ihre Leute anders aus Mount Weather herauszubekommen (ich meine, es war sogar, indem sie parallel mit Mount Weather verhandelt?). Sie kommt also auf andere Weise an den Vorteil, den sie sich von dem Deal mit Clarke versprochen hatte. Dementsprechend lässt sie Clarke und ihre Leute einfach vor den Toren von Mount Weather stehen.

    Das Problem hieran ist nicht, dass Lexa sich alle Optionen offenhält - das ist ja erstmal einfach nur taktisch klug - sondern dass sie Clarke hier völlig grundlos hintergeht: Mit Mount Weather um die Freiheit der Grounder-Gefangenen verhandeln können hätte sie auch so. Klar, vielleicht hat ihr die vorübergehende Allianz mit den Ark-Bewohnern ein zusätzliches Druckmittel in dieser Verhandlung verschafft... aber andererseits scheinen Clarke & Co ja alleine eh keine Chance gehabt zu haben, nach Mount Weather reinzukommen. So eine große Bedrohung wären sie von außen also auch nicht gewesen, und damit sollten sie auch nicht als Druckmittel taugen.

    Vor allem aber ist unverständlich, warum Clarke zu dieser Lexa, die sie notorisch hintergeht, immer wieder zurückkehrt.
    Die forcierte Romanze zwischen den beiden taugt da auch nicht - schließlich ist Lexa ja auch diejenige, die die Hinrichtung von Clarkes vorherigem Lover Finn angeordnet hat (die Clarke gnädigerweise abkürzen konnte, indem sie Finn selbst mit einem einzigen Messerstich umgebracht hat, anstatt dass es ein "death by a thousand cuts" wird).

    Finn musste natürlich bestraft werden, weil er selbst ein Massaker unter den Groundern angerichtet hat. Nichtsdestotrotz würde ich von einem Charakter wie Clarke, die diese romantische Vorgeschichte mit Finn hat, zumindest erwarten, dass sie die Grausamkeit, die Lexa bei der Ausführung dieser Strafe an den Tag legen wollte, nicht gutheißt. Tut sie ja auch nicht, wie gesagt, sie tötet Finn selbst und erspart ihm damit einen qualvolleren Tod. Dementsprehcend würde man erwarten, dass Lexas Grausamkeit auch danach noch zwischen den beiden steht - zusätzlich zu ihrem mehrfachen Hintergehen. Aber nein - Clarke lässt Lexa mit all diesen Dingen davonkommen.

    Wenn man Clarke bisexuell machen wollte, schön und gut, aber dann hätte man sich dafür eine andere Dame aussuchen können als Lexa, denn diese Beziehung würden Menschen mit intaktem Moralsystem wohl als "abusive" bezeichnen. Wink

    Obwohl die Serie es schafft, einem Lexa insgesamt in guter Erinnerung zu lassen - weil sie als unschuldiger Kollateralschaden eines ihrer eigenen Bediensteten stirbt und dann nachher im Kampf gegen A.L.I.E. / die Stadt des Lichts eine entscheidende Hilfe ist - ist sie eigentlich ein Charakter, der Clarkes Loyalität nicht verdient. Clarke begeht genug eigene Fehler, aber das stets in guter Absicht / aus Versehen. Wenn hingegen Lexa mit involviert war (wie bei dem Raketenangriff), hat sie Clarke zu derart eklatanten Fehlern verleitet, dass es fast schon unglaubwürdig war. Als wollten die Autoren Clarke mit Absicht jetzt mal wieder richtig Mist bauen lassen - dabei tut sie das eben schon von ganz alleine in ausreichendem Maße. War eine Art Anti-Sue-Moment. Very Happy

    @Necroghoul7 schrieb:- misanthrop: Das würde ich nicht sagen, im Gegenteil, man spürt überall krampfhafte "pc"-Bemühungen (zugegeben subtiler als z.B. in der DDR). Dafür ist der "Plot" oft negativer. Das wiederum greift wohl die Zukunftsängste und Befürchtungen der Menschen auf, dass die Serien oft in einer Welt voller Bedrohungen, Unwägbarkeiten spielen.

    Das sowieso. Wink Ist zwar prinzipiell ein anderes Thema, das wir schon deutlich mehr hier im Forum diskutiert haben. Allerdings ist es interessant, dass du es hier anführst - denn nicht wenige sehen eine gewisse Assoziation zwischen Filmen / Serien, die sich diesen extremen PC-Anstrich geben, und jenen, wo die Leute sich andauernd gegenseitig angiften. Weil die ja alle so "empowered" sein müssen... Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien? 3434132744

    Manch ein Autor scheint zu glauben, dass (insbesondere weibliche) Charaktere nur dann als kompetenz wahrgenommen werden, wenn sie besonders kratzbürstig sind - also stets den Konflikt mit anderen Charakteren, inklusive ihrer Kollegen, suchen, mit ihnen dadurch eher im Wettstreit stehen - und dabei zusätzlich noch ihre eigene Kompetenz ständig betonen. Dies tun sie verbal und paraverbal, d.h. entweder durch ein explizites Erwähnen / Auflisten ihrer Qualifikationen, und/oder durch übertrieben zur Schau gestelltes Selbstbewusstsein.

    Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Jene Figuren, die ihr Licht eher unter den Scheffel stellen, aber durch ihre Taten zeigen, wozu sie fähig sind, werden als fähig und sympathisch (weil bescheiden) wahrgenommen. Die anderen dagegen bestenfalls als verbissen, schlimmstenfalls als Blender und Aufschneider. Wie auch echte Personen beurteilen wir Charaktere nicht nach dem, was sie sagen, sondern was sie tun.
    Im Endeffekt ist das nur eine weitere Form von Show-don't-tell: Die Weisheit des Tywin Lannister. ("Wer sagen muss, 'Ich bin der König', ist es nicht.")

    The 100:
    Wenngleich ich die PC-Narrative bei The 100 in der Storyline angenehm schwach ausgeprägt finde, so merkt man sie bei manchen Charakterzeichnungen doch umso mehr. Insbesondere bei den "Kampfsäuen" Lexa, Octavia und Indra. Womöglich auch mit ein Grund, warum Lexa mit ihrem mehrfachen Verrat durchkommt und warum Octavia immer noch lebt, trotz all der Todsünden, die sie begangen hat.

    Dann ist da noch Raven, die einer Mary Sue noch am nächsten kommt, weil sie über viele Bereiche hinweg hyperkompetent ist (als Pilotin, Technikerin, Programmiererin... und bei all diesen Tätigkeiten, bei denen man sich eigentlich die Hände schmutzig machen würde, natürlich immer noch rumlaufen wie frisch aus dem Friseursalon Razz ). Die Intention dahinter ist klar, aber es ist eben nicht "wir nehmen drei typische Männerberufe und besetzen sie mit drei Frauen", sondern "wir nehmen drei typische Männerberufe und besetzen sie mit ein und derselben Frau" Very Happy . Die anderen Figuren sind in ihrer jeweiligen Expertise doch deutlich limitierter.
    Eine Sue ist Raven aber zum Glück trotzdem nicht. Nicht nur, weil sie sich durch Murphy eine dauerhafte Gehbehinderung zuzieht und damit für den gesamten Rest der Serie eine klare Achillesferse hat: Auch sonst schafft sie es oft genug, sich gefangennehmen, an den Marterpfahl stellen oder von der Stadt des Lichts versklaven zu lassen. Ich glaube, Raven ist mittlerweile für The 100 das, was man im Horrorfilm-Genre eine "Scream Queen" nennt. Very Happy

    Zum Glück bleiben auf jeden Fall die Hauptcharaktere Clarke, Bellamy und Abby von jeglichen PC-Bemühungen verschont (es sei denn, man möchte Clarkes Beziehung zu Lexa mit dazuzählen).
    Clarke und Abby finden sich in der - vielleicht seit Star Trek: The Next Generation weiblich-besetzten - Rolle der Ärztin, was für dieses Setting die ideale Berufswahl für die Hauptpersonen ist: Schließlich verstärkt das den Eindruck, dass diese Charaktere langfristig nur das Beste im Sinn haben, um so viele Leben wie möglich zu schützen, auch dann, wenn sie immer wieder schwerwiegende ethische Entscheidungen treffen müssen.

    Clarke ist eben keine Kampfsau - wenn sie grausam sein muss, tut sie das auf andere Weise. Das macht sie deutlich sympathischer als die stets auf Krawall gebürsteten Octavia, Indra & Co., und auch eher zur Identifikationsfigur als die aufmüpfige Allround-Talent-Streberin Raven. Clarke hingegen zweifelt an und hinterfragt ihre eigenen Fähigkeiten ständig, sowohl im medizinischen Bereich (weil ihre Mutter eben mehr Erfahrung hat), als auch als Anführerin.

    Und was immer The 100 an PC-Diversity-Girl-Power-Momenten einbaut, es geht - im Gegensatz zum Großteil der Hollywood-Werke mit diesen Motiven - explizit nicht auf Kosten der männlichen Charaktere:

    Bellamy bleibt, genauso wie Clarke, eigentlich durchgehend ein Charakter, zu dem man trotz seiner Fehler aufsehen kann. Monty kann seine fachspezifischen Kompetenzen immer wieder einbringen, selbst der notorische Opportunist Murphy zeigt irgendwann, dass er das Herz am rechten Fleck hat - und seine Hinterlistigkeit nutzt der Gruppe ja dann auch wiederholt. Und Marcus Kane wandelt sich im Laufe der Geschichte ja sogar fast zu einer Art postapokalyptischem Jesus, der den Märtyrer für seine Überzeugungen spielt. Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien? 3402984712

    @elTrixi schrieb:Misanthrop ungleich realistisch ungleich düster und dreckig

    Ich sehe schon, dass ich erst noch klar definieren muss, was ich mit "düster und dreckig" meine. Wink Gleichsetzen mit misanthrop möchte ich diese Begriffe in der Tat nicht.
    Das ist offenbar aus meinem Startpost nicht ganz klar hervorgegangen, aber das war es, was ich hiermit meinte Wink :

    @Strato Incendus schrieb:Hauptsache, die Menschen wirken genauso schlecht und verdorben, wie die Welt, die sie umgibt.

    Daran sieht man nämlich, dass man "düster und dreckig" getrennt auf Charaktere und Setting anwenden kann. Zumindest, wenn man "düster und dreckig" generell mit einer pessimistischen Sicht auf etwas Bestimmtes gleichsetzt.

    Ansonsten würde ich "düster und dreckig" eher zur Beschreibung des (physischen) Settings verwenden, "misanthrop" hingegen konkret zur Beschreibung der Charaktere.
    Daraus ergeben sich 2x2 mögliche Kombinationen:


    1) weder düster und dreckig noch misanthrop: Sowohl die Grundaussage über die Welt als auch über die Menschen ist positiv. --> Bsp.: Star Trek
    2) düster und dreckig + misanthrop: Die Welt ist schlecht und die Menschen sind es ebenso. --> Bsp.: House of Cards
    3) düster und dreckig, aber nicht misanthrop: Die Welt ist schlecht / gefährlich, aber die Menschen sind im Herzen gut und versuchen, das Beste daraus zu machen. --> Bsp.: The 100
    4) nicht düster und dreckig, aber misanthrop: Die Welt ist eigentlich in keinem besonders schlechten Zustand, trotzdem verhalten sich die Charaktere einander gegenüber unsozial. --> Bsp.: Glee (späte Staffeln), Whiplash

    Game of Thrones fällt manchmal in Kategorie 2, manchmal in Kategorie 3: Der Großteil der Charaktere handelt aus politischem Kalkül und Eigeninteresse, aber es gibt eine Handvoll Idealisten. Meist fällt die Geschichte also wieder stärker zurück in Kategorie 2, wann immer einer dieser Idealisten entweder stirbt oder gezwungen ist, seine Ideale zu verraten / aufzugeben.

    1) läuft Gefahr, naiv zu wirken, ist aber angenehmer anzusehen
    2) läuft Gefahr, zynisch zu wirken. Vielleicht lernt man hier einige "unangenehme Wahrheiten", aber nur solange, wie man es noch aushält, sich das als "Unterhaltung" in seiner Freizeit anzutun.
    3) dürfte der größte Sympathiebringer sein, denn man hat Charaktere mit "echten Problemen", die aber trotzdem ihre Menschlichkeit behalten
    4) hingegen dürfte der größte Sympathiekiller sein, denn eigentlich gibt es keine wirklichen Probleme; die Charaktere halten sich die ganze Zeit nur mit ihrem persönlichen Drama, ihren Allüren und Ambitionen auf, d.h. im Grunde mit Luxusproblemen


    @Paloma schrieb:Dieses Schwanken zwischen Selbstmitleid und möchtegern Heldentum in den modernen Filmen (und auch Büchern) ist für mich kaum zu ertragen und nach den ersten zwei Folgen von Picard war für mich Schluss. Ich hatte die alte Serie mit Picard wirklich gerne gehabt und wollte mir nicht mitansehen wie all die Werte, für die die Serie damals stand, das Klo runtergespült werden.

    Selbstmitleid ist für mich nochmal eine andere Sache. Wink
    Das kann Charaktere unsympathisch machen, weil sie a) es sich in der Opferrolle bequem machen, b) sie selbstbezogen und narzisstisch wirken, c) sie zu passiv sind, anstatt ihre Probleme selbst anzugehen usw.
    Ob diese Charaktere jedoch anderen Figuren gegenüber aggressiv auftreten würden, ist eine andere Frage. Im Zweifel sind sie eher zu kleinlaut und bescheiden.
    Damit würde ich gerade von diesen Figuren am wenigsten erwarten, dass sie zu solchen Ellbogenkämpfern werden, aus denen besonders streitlustige Casts praktisch ausnahmslos zu bestehen scheinen. Nur aufeinanderprallende Egos.

    Du magst da allerdings etwas auf der Spur sein, denn potentiell können besonders selbstmitleidige und besonders kompetitive Charaktere beide über ihren Narzissmus miteinander verbunden sein.
    Die "Wettkämpfer" wären da aber wohl eher "grandiose" Narzissten, während die selbstmitleidigen eher "vulnerable" Narzissten wären.
    Beide wollen, dass sich die ganze Welt um sie selbst dreht und sie die ganze Aufmerksamkeit bekommen - aber die ersten eher für ihre Leistungen, die zweiten eher für ihre Wehwehchen.



    Über die Kunst, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen und wie das die Kreativität fördern kann, wollte ich aber sowieso auch nochmal in einem separaten Thema sprechen.
    Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien? 3402984712

    An sich hatte ich dabei erst ans Musikerboard gedacht - weil mir diese Überlegungen jüngst gekommen sind, als ich mich mal etwas genauer mit den Hintergründen von Nightwish 13-Minuten-"Meisterwerk" namens "The Poet and the Pendulum" befasst habe.
    Ich verstehe schon, warum Komponist Tuomas Holopainen sagt, er erklärt seine Songs nicht gerne, weil er das Gefühl hat, dass man ein Lied dadurch entzaubert. (Ich selbst habe immer gesagt, das ist, wie wenn ein Zauberer seine Tricks verrät.) Denn wenn man in die Hintergründe dieses Songs einsteigt, merkt man, dass hinter dem "Meisterwerk" vermutlich nur zu einem geringen Anteil eine existenzielle Sinnkriese steckt - sondern vor allem eine Menge interpersonelles Drama, gescheiterte Kommunikation, eine gehörige Portion Narzissmus von allen Beteiligten, und heraus kommen 13 Minuten exzessive Nabelschau.
    Jetzt ahne ich erstmals, warum das deutsche Wort "pathetisch" und das englische Wort "pathetic", das eigentlich eher "armselig" bedeutet, verwandt zu sein scheinen. Razz

    Und über das Stichwort "interpersonelles Drama" damit wieder zurück zum eigentlichen Thema. Very Happy


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    Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien? Empty Re: Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien?

    Beitrag von Crackle42 am Fr Okt 09, 2020 9:08 pm

    @Strato Incendus schrieb:
    Man braucht jedoch in dem Bestreben, seine Serie "dreckig und düster" erscheinen zu lassen, gar nicht bis zur extremen physischen Gewaltanwendung zu gehen, um die Immersion kaputtzumachen:
    Verbale Gewalt in Form ständiger persönlicher Konflikte zwischen den Hauptpersonen ist da oft schon genug.

    In letzter Zeit sehe ich es immer wieder, dass die Hauptcharaktere untereinander in ständigem Wettbewerb stehen, sich alle Nase lang gegenseitig angiften, und man sich regelmäßig fragt, was außer der Plot Armour (in diesem Fall: die Rüstung, die den Plot selbst schützt! Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien? 3402984712 ) die Charaktere eigentlich zusammenhält. Warum die ständige Eskalation zwischen Figuren, die einem eigentlich sympathisch gemacht werden sollen? Gibt es dafür einen plausiblen Grund innerhalb der Geschichte. Egal - Hauptsache, die Menschen wirken genauso schlecht und verdorben, wie die Welt, die sie umgibt. Denn das ist ja "realistisch". Naja... wie realistisch es ist, dass Menschen, die sich gegenseitig ganz offensichtlich so schlecht ausstehen können, solange zusammenarbeiten, das darf bezweifelt werden.

    Woher kommt dieser moderne misanthropische Blick auf die eigenen Charaktere?
     Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien? 2939384546
    Hier nur mal eine Auswahl von Beispielen, wo mir das in jüngster Zeit aufgefallen ist:

    Bücher, Serien und Filme, die es geschafft haben, mich mit ihrer Misanthropie anzukotzen:

    Bartimäus-Trilogie (Jonathan Stroud)
    Dark Matter
    Glee (erst ab den in den späteren Staffeln)
    House of Cards
    How to Get Away With Murder
    Star Trek: Picard
    Star Wars VIII: The Last Jedi
    Unreal*
    Whiplash
    X-Men: Dark Phoenix

    [...]
    Aber bevor ich die ausführe, möchte ich natürlich erstmal wissen, ob ihr diesen Trend genauso wahrnehmt wie ich. Wink
    Das würde ich erst einmal verneinen =)
    Zum einen kommt es immer darauf an, in welchen Kreisen an Literatur oder Serie du dich bewegst. Wenn man dem Suchalgorithmus von Amazon folgt, wird einer Person, der GoT gefallen hat, als nächstes etwas ähnliches vorgeschlagen schlichtweg weil der beste Prädiktor für zukünftiges Verhalten (also dem Konsum einer bestimmten Kategorie) vergangenes Verhalten ist. Nach GoT wirst du wohl kaum nach dem Tagebuch der Anne Frank suchen, mal platt formuliert. Entsprechend verschieben sich bestenfalls einige Vorlieben aber die allgemeine Präferenz bleibt bestehen. Entsprechend bleibst du in misantrophen Gewässern, behaupte ich an dieser Stelle. In sozialen Medien würde man jetzt von Echokammern sprechen, das gilt hier aber im Grunde genauso Wink
    Ein weiteres Thema wäre das Cherrypicking aber da will ich gar nicht näher drauf eingehen. Ich könnte nämlich genauso viele Gegenbeispiele bringen, die der Misantrophie These widersprechen.
    Als drittes sei noch angedeutet, dass man sich an erfolgreichen Serien orientiert. Hätten wir vor 15 Jahren in diesem Forum miteinander geschrieben, wäre Harry Potter und die dort aufkommenden Thematiken sicherlich wesentlich relevanter. Jetzt ist eben GoT am Drücker.

    Auf das von oben eingegangen:
    In letzter Zeit sehe ich es immer wieder, dass die Hauptcharaktere untereinander in ständigem Wettbewerb stehen, sich alle Nase lang gegenseitig angiften, und man sich regelmäßig fragt, was außer der Plot Armour (in diesem Fall: die Rüstung, die den Plot selbst schützt! Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien? 3402984712 ) die Charaktere eigentlich zusammenhält
    Nun, man bekommt ständig gesagt eine Handlung ohne Konflikt ist langweilig zu lesen und anzuschauen, also wird - manchmal krampfthaft - versucht diesem Anspruch gerecht zu werden. Und irgendwie stimmt es ja auch, in fast allen alltäglichen Begegnungen kommen Konflikte auf, wir können sie nur meistens umgehen, entschärfen oder ihr die Relevanz entziehen weil wir sonst den ganzen Tag nichts anderes zu tun hätten als Streitigkeiten zu schlichten. Ich finde Misantrophie an dieser Stelle außerdem den falschen Begriff. Man muss nicht alles gutheißen, kann seinen Freunden, Kollegen oder der Familie sogar widersprechen und trotzdem befreundet sein oder in Verbindung stehen. Nur weil man bestimmte Eigenschaften oder Verhaltensweisen ablehnt, ist das noch keine Feindseligkeit oder Eskalation.

    @Crackle42: Bartimäus war die erste Geschichte, die ich gelesen habe (noch als Kind damals), bei der ich den Eindruck hatte, alle Charaktere sein A-Löcher. Ich habe meinen Eindruck damals meinem Vater geschildert, er hat dann auch einiges davon gelesen (weiß nicht mehr, ob er es durch alle drei Bücher geschafft hat). Jedenfalls hat er mir meinen Eindruck bestätigt, auch aus seiner "Erwachsenen-Sicht".

    Bartimäus selbst ist eher bloß hinterlistig, aber durch seinen Humor (den er so gerne in Fußnoten ausdrückt) wird er einem sympathisch (das Buchcover mit seinem Grinsen darauf trägt aber auch viel dazu bei).

    Die menschlichen Charaktere kann man aber größtenteils knicken, inklusive des menschlichen Hauptcharakter Nathanael / John Mandrake. Ich habe die Handlung nicht mehr genau im Kopf, aber ich erinnere mich, dass meine Wahrnehmung der ganzen Zauberer aus heutiger Sicht am ehesten beschrieben werden kann als "House of Cards mit Magiern" (House of Cards kannte ich damals natürlich noch nicht - sonst wäre ich vielleicht schon etwas mehr gewöhnt gewesen Wink ).
    Die einzige sympathische menschliche Hauptfigur ist Kitty.

    Spoiler:
    Bartimäus (alle drei Teile):
       Mandrake kriegt seine "Redemption" zwar, aber erst ganz am Ende - und stirbt direkt darauf. Aus der angedeuteten Romanze mit Kitty wird dementsprechend auch nichts.
    Okay, hier kann ich nicht einfach nur so widersprechen, sondern muss das sogar mit Vehemenz  tun Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien? 649053099
    Bartimäus:

    Angefangen mit Nathanael: Ja, er ist recht schlicht konzipiert und nicht sympathisch zu lesen, aber das soll und braucht er auch gar nicht. Im Endeffekt wird er genau zu der Person, die er immer so gehasst hat. Nämlich zu einem dieser Beamten mit hoch erhobener Nase, die von den Normalos keine Notiz mehr nehmen und sich für was Besseres halten. Als er die Absurdität erkennt (am Ende) wechselt es rasant und er lässt sogar einen Dschinn sogar von sich Besitz ergreifen. Die Romanze finde ich an dieser Stelle sogar in Ordnung, weil es dem ganzen eine Tragik verleiht und ich mich irgendwo schwer getan hätte, von dem Nathanel-Minister-Bild zu einem liebenswürdigen-Mann-Frau-Konstellation zu wechseln.
    Nun zu Bartimäus: Er ist ein Dämon - Verzeihung Dschinn-, der von Menschen seit tausenden Jahren herbeigerufen wird, um deren blödsinnige Ideen und Machenschaften auszuführen. Mir reichen 27 Menschenjahre aus, um den guten Dschinn verstehen zu können, wie verabscheuungswürdig manche Menschen sein können Very Happy Zumal er jedes Mal seiner Heimat entrissen wird, um einen Kampf zu führen, die ihn die Bohne interessiert. Daher hat er ein gewisses Anrecht einer misantrophen Einstellung. Aber: Er nimmt ständig die Gestalt eines jungen Ägypters an (der im 4. Buch dann vorkommt), was seinen Bezug zur Menschheit zeigt und eben auch, dass sich seine Misantrophie auf bestimmte Personenkreise bezieht - nämlich solche mit Machtmotiven. Auch dass er Kittys Gestalt annimmt zeigt, dass er solche Personen schätzt, die nicht zur verabscheuenswürdigen Kategorie gehören.
    Vierter Band:
    Im Rückblick auf den Ägypter Ptolomäus zeigt sich sogar, dass er freiwillig in der Menschenwelt bleibt, obwohl er gar nicht beschworen wurde und seine Meister jederzeit hätte töten können.
    Am Ende des dritten Bands kommt kurz vor, dass er dort Gelegenheit gehabt hätte jenen Mandrake zu töten als er mit seinem Körper verschmilzt. Weil aber die Achtung vor ihm im Hintergrund steht, tut er eben jenes nicht und schließt sogar mit seinem Leben ab:
    "Bartimäus... Der Gedanke war kaum zu verstehen.
    Was ist?
    Du warst ein guter Diener.
    Was sagt man dazu? Ich meine, im Angesicht des Todes, der eine 5000 Jahre währende, unvergleichlich ruhmreiche Laufbahn einfach in die Tonne haut?"
    Und weil Nathanel weiß, dass Bartimäus sogar sein Leben opfern würde, entlässt er ihn.


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    Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien? Empty Re: Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien?

    Beitrag von Strato Incendus am Sa Okt 10, 2020 3:32 pm

    @Crackle42: Ich meinte nicht, dass Bartimäus selbst ein Misanthrop sei - und wenn, dann hätte er, wie du schon gesagt hast, allen Grund dazu. Ich meinte mehr die Weltsicht der Geschichte allgemein, bzw. damit ggf. die des Autors.

    Bartimäus' Kapitel sind aus der Ich-Perspektive erzählt, alle anderen in der 3. Person. Ich hatte jedoch nicht den Eindruck, dass Nathanaels und Kittys Kapitel ebenfalls von Bartimäus erzählt werden, sondern einfach von einem separaten Erzähler. Und gerade die Einlicke in die Zaubererwelt aus menschlicher Sicht erhält man ja vor allem aus Nathanaels Perspektive. Da spricht also der namenlose Erzähler. Und der stellt die Zauberer eben weitgehend negativ dar.


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    Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien? Empty Re: Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien?

    Beitrag von Necroghoul7 am Mo Okt 12, 2020 4:26 pm

    @Strato Incendus,
    dass Personen nach ihren Taten und nicht nur nach dem, was sie sagen, beurteilt werden, gilt eher für Serien/Filme als für die reale Welt. Denn in Serien/Filmen ist der Zuschauer ja quasi dazu gezwungen, sich die Taten anzuschauen, und zwar so genau, wie der Regisseur ihn zwingt. Im realen Leben ist auch weniger Distanz (Leinwand) da, jedenfalls ist mir aufgefallen, dass Filmcharaktere viel differenzierter und kritischer betrachtet werden als echte Menschen.

    Kürzlich habe ich übrigens eine neue Fantasyserie für meine Kinder angeklickt, die wir nach einer Folge abgebrochen haben, weil wirklich fast nur Gewalt und Kampfszene auf Kampfszene folgte (es musste sogar angedeutet werden, wie der kleine Bruder der Protagonistin getötet wurde, völlig unnötig). Es ist zwar wieder ein anderes Thema, aber leider leidet unter vielen Effekten und Spezialeffekten oftmals der Inhalt. Das hier auch erwähnte alte Star Trek (mit Kirk und Spock) z.B. "musste" gute Geschichten und interessante Dialoge zeigen, da technisch weniger möglich war.
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    Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien? Empty Re: Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien?

    Beitrag von Crackle42 am Mo Okt 12, 2020 4:46 pm

    @Strato Incendus schrieb:@Crackle42: Ich meinte nicht, dass Bartimäus selbst ein Misanthrop sei - und wenn, dann hätte er, wie du schon gesagt hast, allen Grund dazu. Ich meinte mehr die Weltsicht der Geschichte allgemein, bzw. damit ggf. die des Autors.
    Da wären wir wohl eher bei dem Thema, wie viel persönliche Einflüsse mit in die Geschichte spielen =)
    Du könntest natürlich recht haben und mit Sicherheit lässt sich das schwer objektiv feststellen. Ich empfinde es aber eher als Spott und ggf. noch Abneigung gegenüber dieser Ebene; nicht aber gleich als eine misantrophe Einstellung. Im Gegenteil, es kommt mir sogar eher vor, als würde er dieses hierarchische System und Ungleichheit infrage stellen und kritisieren, denn hinter Hierarchien verstecken sich nicht selten Dominanz, Macht und Gier. Siehe hierzu auch einschlägige Begriffe wie Anomie, soziale Dominanz und Autoratismus als Determinanten politischer Vorurteile. Eine Ablehnung gegenüber etwas aber gleich mit Menschenfeindlichkeit oder dreckig gleichzusetzen, wäre in meiner Weltsicht aber doch etwas voreilig Woher kommt die Misanthropie in modernen Serien? 3788185348


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